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1981, Polen zur Zeit der Solidarność, Fortsetzung

Erwachte am Morgen aus wirren Träumen, als der Zug über die Wei­chen schwankend in den Bahnhof einfuhr. Die Sonne war eben aufgegangen, es war sechs Uhr, und, wie ich augenblicklich spürte, als ich auf die Stufen zum Bahnsteig hin­un­ter­stieg, bit­ter­kalt. Noch war kein Café geöffnet, doch immerhin der Gepäck­schal­ter, an dem ich den Koffer gegen einen Zettel eintauschte. Danach trat ich auf den Bahn­hofs­vor­platz hinaus. Soviel ich sah, war mir niemand ge­folgt und niemand erwar­tete mich. Glei­ßen­des Licht und schneidender Wind. Weni­ge Menschen, die ihm da­von­­eil­ten. Eine Stra­ßen­bahn quietschte um die Kurven, sofort eilte auch ich zur Haltestelle. Eine Sightseeing-Tour war das ein­zige, was jetzt Sinn machte. Mein nächster Zug, der mich zur ersten Station Richtung Grenze bringen sollte, fuhr erst zehn Uhr achtunddreißig. Viel Zeit, die ich hier ver­gon­­­deln konnte. Doch die Straßenbahn war nicht geheizt. Setzte mich auf die sonnige Seite, ver­schränkte die Arme vor der Brust, die Hände unter den Achseln vergrabend, und sah hinaus. Vor noch gar nicht so langer Zeit, am Anfang der Reise, war ich in dieser Stadt schon ein­mal gewesen, doch ich erkannte fast nichts wieder. Anderes Licht, andere Tage, alles war unbekannt, doch soviel ich auch schaute, wieder zog mich nichts hinaus. Sollte ich umsteigen, eine andere Richtung einschlagen? Doch wie lange müßte ich dann im kal­ten Wind an der Haltestelle stehen. Straßen, Straßen, kaum Menschen. Nie­mand stieg ein oder aus, wenn die Bahn hielt und die Türen automatisch auf­klappten. Lang­­sam ver­­änderten sich die Häuser, wurden kleiner, stan­­den nicht mehr in geschlos­se­ner Reihe, bald gab es größere Lücken, freie, schnee­bedeckte Flächen, dann eine graue Mauer, da­hin­ter eine Fabrik, dann wieder eine Mauer –, und dann sah ich das, was mich zur Tür gehen ließ und ungeduldig auf die Haltestelle warten. Die Bahn be­schrieb krei­schend einen Bogen, fuhr ein ganzes Stück weiter und hielt endlich. Hier war ich am Stadtrand, ein Wäldchen mit jungen Bäumen stand auf der ande­ren Stra­ßen­­­seite, und ich mußte ein ganzes Stück zurück­gehen, um zu sehen, ob ich mich nicht getäuscht hatte. Nein, da war es. Eine Mauer mit ei­­nem kleinen offenen Wach­turm an der Eck­sei­te, davor, zwischen Schie­nen und Mauer, wei­ße Hügelchen. Sand­­säcke, wie ich er­kann­te, von Schnee bedeckt. An der Mauer hingen Schieß­schei­ben mit den Schat­ten­rissen einer menschlichen Figur. Papp­kameraden, wie sie im Armee­­­­jargon hießen. Einige waren her­un­ter­gefallen und staken schräg im Schnee. Ich suchte die rich­tige Position, steckte die Hand in die Fototasche, – da erschien auf dem linken Wacht­turm ein flacher Helm, danach ein Kopf, und dann ein Gesicht, das zu mir herüber-sah. Ich erstarrte mit der Hand in der Tasche und einem hohlen Gefühl in der Magen­grube. Ich konnte doch jetzt kein Foto mehr machen, das war nicht ein­fach das Zubehör einer Kampf­gruppen­ein­heit der Fabrik, die ich gesehen hatte, ich stand offen­sichtlich vor einer Kaserne. Richtig, zwi-schen Fabrik und Ka­serne war der zwei­te Wach­­turm. Einfach weggehen, als wäre nichts ge­schehen? Das wäre möglich. Aber ärger­lich, denn gesehen hatte ich schließ­lich etwas. Du bist hergekommen, um zu foto­­­gra­­­fieren, also bitte – fotografiere. Das war ich wohl selbst, der zu mir sprach. Leise seuf­­­zend zog ich die Hand aus der Foto­tasche, nahm den Deckel vom Objektiv, sah durch den Sucher, ging noch ein paar Schritte zurück, stellte die Schärfe ein und drück­te auf den Auslö­ser. Einmal, das sollte für ein so einfaches Sinn­bild reichen, ich wollte doch keinen Film verschwenden. Der behelm-te Kopf ver­­schwand wieder. Noch hatte ich den Apparat nicht ganz in der Tasche verstaut, da öff­ne­ten sich direkt vor mir die zwei mäch­tigen Flügel eines grauen eiser­nen Tores, das ich vorher wohl gesehen, aber nicht besonders beachtet hatte. Links und rechts erschie­nen Unifor­mier­­te, zehn, fünf­zehn, die sich anschick­­ten, in mei­ne Richtung zu laufen. Es gibt einen Flucht­­­im­­puls, und wenn ich jemals glaubte, darüber etwas gewußt zu haben, konnte ich das ver­­ges­sen und jetzt an mir selbst erfahren. Ich war schon in halber Drehung, sah mich durch das kleine winterlich laublose Wäldchen rennen, hörte die Verfolger hinter mir schreien und – schießen. Und sah ein, daß da keine Hilfe war, nutzte die Drehung nur halb und stakste mit etwas steifen Beinen parallel zur Mauer in Richtung der er­­sten Stra­ßen­bahn­halte­stelle, sah aus dem Augenwinkel noch, wie einer in Kampf-uniform die ande­­ren zu­rück­­­kommandierte und hinter mir her­schnellte. Hörte auch bald seinen keu­chen­den Atem im Nacken, fühlte mich am linken Arm gepackt, dann am rechten, und zurück­­gezogen. Sie waren zu zweit und sagten etwas auf polnisch, das ich nicht ver­stand.

„Wie bitte?“ fragte ich, mich umdrehend. Das war dümmlich, aber schon egal.

„Ah! Njemez!“ schrie der erste, und griff zum Riemen der Fo­to­tasche, an dem er heftig zerrte. „Spion, njemetzki Agent!“ wo­mit mich beide im Laufschritt an den Armen in die Kaserne ziehen wollten.

„Langsam, langsam“, sagte ich, einen Arm freiwindend und die Fototasche unter die Ach­sel klem-mend. „Ich kann allein gehen, und ein Spion bin ich auch nicht.“ Freund­lich, aber bestimmt gro­ben Übergriffen widerstreben, das ist die erste Regel, und so ging sie mir auch durch den Kopf. Ich war ruhiger geworden, und sie rea­gier­ten auf meine Gegenbewegungen, ließen von der Foto­tasche ab und liefen langsamer, mich jedoch weiter fest­hal­tend. So kamen wir an den glotzenden Soldaten vorbei, von de­nen nicht jeder ein feindseliges Gesicht machte, ich sah die grauen drei­stöckigen Ge­bäude, kleine Bäume, den Exerzierplatz und schließ­lich ein kleines Wach­thäus­chen, in das sie mich hineinstießen. Mit Gesten zeigten sie: wenn du abhauen willst, bumm, bumm, bist du tot, schlossen, der eine grinsend, der andere ernsten Gesichts die Tür und postierten vor ihr einen Be­waff­neten. Hier drinnen war es noch kälter als draußen, wo die Sonne wenigstens etwas wärm­te. Ein kleiner grau­ getünchter Tisch, ein Panzerschrank, ein Stuhl, auf dessen Kante ich mich setzte, mit zittern-den Fingern mein dickes Heft mit Aufzeich­nungen und Adres­sen aus dem hinteren Fach der Foto-tasche zerrte und es mir unter das Hemd in den Hosenbund schob. Erstaun­licher­weise hatten sie mich hier allein gelassen, ich war sicher, daß ich in Deutsch­­land sofort durchsucht worden wäre. Wie lange mußte ich hier jetzt warten? Vor acht Uhr würde sich kein Offizier blicken las­­sen, ganz sicher nicht, vielleicht nicht vor neun, jetzt war es kurz vor sieben. Sobald jemand käme, hätte ich nach einem Dolmetscher zu ver­langen. In sol­chen Situationen sind solch einfache Gedanken wich­­tig, sie geben Halt. Es war Zeit, mir Fragen zu stellen. Was hatte ich nur getan? Für ein lausiges Foto die Stunden mit H. aufs Spiel gesetzt. Was Stunden, Idiot, so schalt ich mich, wie leicht könn­ten da­raus Jahre wer­den, Jahre, in denen du immer an sie denken kannst. Ein Gedanke, der mich ver­wir­ren­­derweise kurz froh machte. Weißt du denn, ob ihnen ein Spion aus dem We­­sten nicht gerade in den Kram paßt, um einen Beweis mehr zu haben, daß endlich wie­­der eine härtere Gang­­art nötig sei? Nun, und wenn nicht Jahre, Gefängnis jeden­falls, und die anschlie­ßen­de Auswei­sung mit lebens­lan­gem Ein­rei­se­­­verbot, das ist doch auch öde genug. Wie die Dinge standen, wür­­­­­de ich H. nie wie­der­sehen. War das wirk­­lich nötig, hätte ich nicht einfach die Hand aus der Tasche ziehen können – ohne Kame­­ra – und gehen? Jetzt war jedenfalls das Foto da drin, unent­wickelt. Der Wacht­­­­po­sten drau­ßen hatte noch kein einziges Mal hereingesehen. Ich öff­nete die Fototasche, da steckten die zwei Kameras. Das Foto als Preis meiner Freiheit wür­­de ich ihnen nicht anbieten, nein. Saß ich in der Scheiße, dann saß ich eben. Konnte ich den Film ver­stecken? Etwas wirklich Aussichtsreiches konnte ich nicht tun, lediglich im­provi­sie­ren; wenn sie mich wirklich verhafteten, wäre ich ohnehin alles los. Der Film in der anderen Ka­mera war nahezu voll, ich spulte ihn zurück, ver­senk­te ihn in tiefere Regionen der Tasche und legte einen neuen ein. Den Film mit dem bewußten Fo­to ließ ich, wo er war. Warten. Das war mir schon immer schwer­ge­fallen. Ir­gend­wann schaute ein älterer, offen­sicht-lich höherer Offizier rein, eher neugierig und etwas be­sorgt fragend:

„Was haben Sie denn Schlimmes gemacht?“

„Wieso Schlimmes? Da war eine Mauer und dahinter eine Fa­brik, ich habe ein Foto gemacht, plötz-lich kamen Soldaten gelau­fen und haben mich hergebracht. Woher sollte ich wissen, daß das ver-boten ist? Ich brauche einen Dolmetscher, haben Sie einen hier?“

„Dolmetscher? Hier, nein. Aber es wird jemand kommen, war­ten Sie. Ein Foto haben Sie gemacht.“

„Ja.“

„Kann ich die Kamera sehen?“

„Warum nicht? Hier ist sie.“ Womit ich die falsche hervorholte. Er nahm sie und sperrte sie in den Panzerschrank.

„Keine Angst, bekommen Sie später wieder, nur zur Sicher­heit.“ Wieder war ich allein.

Warten. Stunden. Irgendwann hörte ich ein Auto, dann noch eins, das war größer, ein Mannschafts-wagen vielleicht. Das hörte sich nicht gut an, es war einfach zu groß. Kurz darauf kamen meh­rere Männer herein. Als erster der alte Offizier, der die Ka­me­­­­­ra aus dem Panzerschrank holte, dann zwei um die dreißig in Zivil, ein älterer vierschrötiger Offizier in Uniform und ein Sol­dat, wohl der Fahrer. Bevor sie etwas sagen konnten, frag­te ich nach dem Dolmetscher.

„Sie sprechen deutsch, nicht wahr?“ fragte einer von denen in Zi­vil. Er sah recht gut aus, hatte kurze schwarze Haare, war ge­pflegt, wach. Offensichtlich der Mann, an den ich mich halten mußte.

„Ja, Sie auch, wie ich höre. Wo haben Sie so gut deutsch ge­lernt?“ Er lächelte kurz. „Auf Reisen, ich war öfter dort, im anderen… in der DDR. Gut, dann gehen wir mal.“

„Wohin?“

„Sie haben eine militärische Anlage fotografiert, wir müssen das untersuchen.“ Er war vorangegan-gen und wir passierten mittler­wei­le das Tor. Ich sah das kleine Auto und ein großes Fahrzeug. Das sah überhaupt nicht gut aus, so dunkelblau, es war unver­kennbar ein Gefängnisauto, da war an der rück­sei­tigen Tür das kleine ver­git­terte Fenster. Ich muß­­te mir sehr schnell etwas ein­­fal­len lassen. War ich erst einmal in diesem Auto, dann war ich auch im Gefängnis, Gefangener eines Apparates, der seine eigenen Regeln hatte, und so leicht nicht wieder entließ, was er einmal ge­schluckt hatte.

„Wenn Sie das untersuchen wollen, dann sollten Sie sich an­se­hen, wo ich gestanden, und was ich fotografiert habe, bitte sehr. Jetzt kann man das im Schnee noch gut sehen, später bestimmt nicht mehr.“ Kurz musterte er mich, sah dann in die Richtung, die ich wies:

„Dort war es?“

„Ja, kommen Sie, ich kann es Ihnen ganz genau zeigen, außer mir war dort sonst nie­mand bisher“.
Er sah zu den anderen, dann über das Feld, nickte:

„Also gut, dann zeigen Sie mal. Mein Kollege und ich sind übri­gens vom Zoll“, womit er auf den anderen in Zivil wies. Ich hatte sein kurzes Zögern bemerkt, er hatte sich das eben aus­ge­dacht. Jetzt hieß es, keinen Fehler mehr zu machen. Ich war ein Künstler, und die sind nun mal dumm und machen dummes Zeug, ohne es zu wissen.

„Sehen Sie, von dort bin ich gekommen, von der Haltestelle, das sind meine Spuren. Ich fuhr hier mit der Stra­ßen­bahn vorbei, weil ich bis zum Mittag auf den nächsten Zug warten mußte, sah aus dem Fenster und dachte: was ist denn das? Die Hügel im Schnee wie Leichen.“ Mit weitausholenden Gesten wies ich auf alles, was ich beschrieb. „Dort an der Mauer die Scheiben mit den Figu­ren darauf, zwei sind heruntergefallen, wie erschossen, dann die Schienen, das alles ein Symbol. Ein Symbol des Todes. Ich bin Fo­to­­graf, Kunstfotograf, müssen Sie wissen. Und wenn ich solch ein Bild sehe, kann ich einfach nicht vorbeigehen. So bin ich aus­ge­stiegen und habe es fo­to­­­­­grafiert. Tut mir leid, wenn das verbo­ten war. Wissen Sie, ein Freund von mir in Berlin ist Dichter, und er hat ein Gedicht gegen den Krieg gemacht, da kommt all das vor, die Sandsäcke unter dem Schnee wie Leichen, die Mauer, die Figuren, manche er­schos­sen, ja, sehen Sie? Ich mußte es einfach für ihn aufnehmen. Wie sollte ich wissen, daß das ver­bo­ten ist? Nirgends ist hier ein Schild, daß man nicht fotografieren oder gehen darf.“ An der Art, wie er den anderen über­setzte, wo er betonte, und wie über­legen er lächel­te, sah ich, daß ich auf dem richtigen Weg war. Erst mal warten, nicht über­­­treiben. Der Offi­zier, der mit dem Gefängnisauto gekommen war, blieb mißtrau­isch, äußerst miß­trau­isch. Der war nicht ein­fach nur grob, der stammte aus einem Geschlecht von  Bau­ern, war auf seine schlichte Art schlau. Geschichten mit Künst­lern, das war was für Städter, da­ran glaubte er einfach nicht.

„Und hier standen Sie, als sie das Foto machten?“

„Genau hier. Wie soll hier jemand ein Spionagefoto machen? Ich habe nur die Fabrik gesehen. Das ist doch hier öffentliches Gelände, eine Straße, ich wär nie darauf gekom­men, daß hier die Armee ist. Es gibt kein Schild, nichts.“

„Aber Sie hätten fragen müssen.“

„Fragen! Gut, aber wen? Sie waren noch nicht hier.“

„Wo ist die Kamera?“ Sie wurde ihm gereicht.

„Mit der haben Sie das Foto gemacht?“ 

„Ja.“ Er sah durch den Sucher und das Weitwinkelobjektiv, schwen­k­­te nach links, nach rechts, nach oben, nach unten.

„Haben Sie noch andere Objektive?“ Er suchte nach einem Te­le­­­objektiv, das war klar.

„Ja, noch eins, aber das ist ganz ähnlich.“ Damit er sich nicht den Hals verrenken mußte, öffnete ich weit die Tasche. Dann ließ er sich meine Fahrkarten geben, den Gepäckschein, den Paß, das Visum, sah alles genau an.

„Das Visum ist abgelaufen. Sie müssen heute zurück.“

„Das hatte ich auch vor, mein Zug fährt kurz nach zehn. Ich hoffe, ich erreiche ihn noch.“ Er ging mit den anderen ein paar Schritte beiseite und sprach mit ihnen, kam dann zu mir.

„Ich denke, die Sache ist geklärt. Sie können gehen, hier sind Ihre Papiere. Mit besorg­tem Gesicht steckte ich alles ein. „Den Fotoappa­rat bekommen Sie auch wieder. Mit Film. Aber passen Sie das näch­ste Mal besser auf. Sie können mit dem Fahrzeug dort fah­ren“, er wies auf das Gefängnisauto, „es wird Sie zum Bahnhof bringen, damit Sie den Zug noch erreichen, aber Sie müssen selbst­­­verständlich nicht.“ Es war eine Heraus­for­derung, ich konn­te nicht nein sagen, nickte und verabschiedete mich, indem ich ihm die Hand drückte:

„Alles Gute für Polen.“ Dann kletterte ich in den LKW neben den Fahrer, der Offizier saß an der Tür. Ich sah, wie er überlegte. Offensichtlich kramte er alle seine Brocken deutsch zusammen. Ich wußte doch, daß er noch nicht zufrieden war.

„Wie viele Filme?“ fragte er schließlich.

„Wie viele Filme ich mithabe?“

„Ja, wie viele?“ fragte er unwirsch.

„Sechs, glaube ich, und drei, die noch nicht belichtet sind. Verstehen Sie? Drei Filme noch kein Foto.“ Der Soldat saß teil­­nahms­los über sein Lenkrad gebeugt.

„Was du fotografieren?“ Ich dachte an die Tsigani.

„Was ich fotografiert habe? Musiker. Menschen.“ Mehr an Harm­losigkeiten wollte mir erst­­mal nicht einfallen, ich über­­legte krampf­haft, da fuhr uns ein Pferdegespann ent­gegen.

„Sehen Sie, und Pferde. Bei uns, müssen Sie wissen, gibt es keine Pferde mehr auf den Straßen.“

„Keine Pferde?“ Das schien ihm unglaubhaft, dann vorstellbar, der Westen eben. „Ah, Folklorys-
tycne“, sagte er und nickte. Endlich schien auch er zufrieden, und dann waren wir beim Bahnhof. Der Offi­­zier war ausgestiegen, stellte sich, als ich rausgesprungen war, vor mich hin und hielt die verschränk­ten Finger seiner großen Pranken vor das Gesicht.

„Du heute weg, sonst… Du woanders weg“, knurrte er dro­hend.

„Ich weiß, ich weiß, das Visum ist abgelaufen, aber bis Mitter­nacht gilt es doch noch.“ Ich gab auch ihm die Hand, die er zö­gernd nahm.

„Alles Gute für Polen!“ Er murmelte Unverständliches, das nach Verwünschung klang. Als ich das Bahnhofsgebäude betrat, sah ich sie beide noch stehen und den Offizier etwas zum Sol­daten sagen. Übermütig winkte ich ihnen, worauf der Offizier wieder die ver­schränkten Finger vor sein Gesicht hielt. Wie war ich froh, seinen Klauen entkommen zu sein. Am Gepäckschalter sah ich den Koffer sofort, winkte heftig mit dem Schein, tausch­te ihn gegen Bezahlung mit dem Koffer aus, ging zum Bahnsteig, wo der Zug schon bereitstand, stieg ein, nahm den ersten freien Platz, warf den Koffer in die Ablage und mich in die Polster. Abfahren, abfahren, bloß weg hier. Jetzt konnte ich end­­lich das Notizheft aus dem Hosenbund ziehen. Etwas verbogen an den Ecken und mit schweißfeuchten Flecken auf dem Umschlag steckte ich es wieder in die Foto­ta­sche. Der nächste Bahn­hof, auf dem ich umsteigen mußte, hieß Kłodzko. Wir fuhren, ich sah aus dem Fenster, ohne viel zu sehen. Zweifellos mußte ich wach bleiben, dieser Bauer in Offiziersuniform hatte mir vielleicht irgendwo eine Falle gestellt. Dieses unzu­frie­dene Gesicht, dieses uralte Mißtrauen… Andererseits konnte ich auch mit diesem Zug über die Grenze fahren, es war ein Schnellzug, der nach Prag fuhr. Einfach sitzen­bleiben, träumen, schlafen auch, und mittags in Prag aufwachen, das war verlockend. Es würde nur nicht funk­tio­nieren. Jetzt, nach diesem Zwischenspiel mit den wirklichen und den Papp­- Ka­mer­aden würden sie mich garantiert aus dem Zug holen. Der mußte doch nur telefonieren, dieser Bauer mit Alu­mi­nium­sternen auf den Schultern.

Kłodzko. Kof­fer in die Hand, Fototasche umgehängt, aus­stei­gen. Ich sah kurz einen Blick, der in meine Richtung irrte. Ein Uniformierter ohne Gepäck, jetzt war er schon wieder ver­schwun­­­den. Ruhig. Nachdenken. Erst mal den nächsten Bahn­steig finden. Konnten sie schon jetzt jemanden hinter mir her­geschickt haben? Eigentlich war die Zeit, die sie da­für in Wrocław hatten, zu kurz gewesen. Und einer in Uniform, der war doch sicht­bar. Auf der Strecke hierher, hatten wir da gehalten? Ich war unsicher, ich hatte gedöst, ge­träumt. Schlecht. Egal, weiterfahren. Es war ein kurzer Zug mit drei Wag­gons, der an den kleinsten Stationen hielt. Ich ging durch die Abteile und sah nur Zivi­listen, nie­manden, der mir verdächtig war. Bauern, Arbei­te­rin­nen, die nach Hause fuhren. Noch einmal mußte ich um­stei­gen. Dieser, der letzte Zug, dessen Endstation der Grenzort war, hatte wie­der Abteile mit Schiebe­türen. Saß an der Tür, nicht am Fenster, be­mer­kte plötzlich ei­nen Blick. Als ich die Tür öffnete, war da niemand mehr. Ging den Gang entlang, lang­­sam, jeden musternd. Zwei Ab­teile weiter saß ein Soldat, der ganz kurz und ir­gend­­­­wie schuldbewußt zu mir auf­sah. Du? Du ver­dammtes Arschloch läßt dich zum Werkzeug machen? Blieb stehen und sah mir alles genau an. Er hatte kein Gepäck. Seltsam, Kurzurlaub bei Mama ohne schmut­zige Wäsche? Er war ein Bauernjunge mit breitem Ge­sicht, etwas grob, picklig, wulstige Lippen. Plötzlich sah ich seine Hän­de, weil er sich, mit ruhiger Hand, eine Zigarette aus der Schach­tel nahm, ohne Filter. Zeige- und Mittelfinger, mit denen er immer die Zigaretten hielt, waren dunkelgelb, und ich wurde ganz weich. Ich nehme alles zurück, du bist kein Arschloch, wohl eher ich. Grüß deine Mutter. Du tust mir leid. Tut mir leid, Junge. Wie konnte ich mich so irren? An der Grenzstation stieg ich lang­sam aus, wollte mich erst einmal orien­tieren, da sah ich, noch auf dem Trittbrett, den Bauernjungen weit vorn, linker Hand, bei den zwei Grenz­poli­zisten, die die Fahrgäste routiniert kontrollierten, hastig auf sie einsprechen und auf mich zeigen. Als letzter ging ich auf die Sperre zu, da war kein Ausweg, und wur­de aus­sortiert. „Suche die Grenze, wo immer du bist“, hatte Adams Freund am An­fang der Reise gesagt. Die Grenze hatte offenbar mich gesucht, jetzt saß ich auf ihr fest. Einer der Unifor­mier­­ten war, meinen Protest überhörend, mit Paß und Visum davon­ge­gangen, ich mußte im Warteraum bleiben. Sah mir Fotos an, die ich augen­blick­lich wie­der vergaß, eine schematische Karte der Zugver­bin­dun­gen, Fahr­plä­ne, die Uhr, die Bän­ke, den hohen Holztisch, der sicher zum Durch­su­chen von Gepäck diente, sah aus dem Fenster. Wenn ich draußen den ande­ren Grenz­wächter an­sprach, zuck­te der nur die Achseln, ich solle warten, dann war auch er ver­schwun­­den. Dann hörte ich, wie der Zug, mit dem ich weiter­fah­ren wollte, angesagt und abgefertigt wurde, lief auf den Bahn­steig, beschwerte mich und sah, wie er davon­fuhr. Dann, ge­rau­me Zeit später, kamen sie zu dritt, ich soll­te mein Gepäck auf den Tisch legen. Mein Visum sei abge­lau­fen, sagte ich, ich müs­se heu­te zurück. Später würden auch noch Züge fah­ren. Ir­gend­­wie lust­los durchsuch­ten sie Tasche und Koffer, zerwühlten nichts, war­fen nichts hinaus. Dann war ich wie­der allein und sah auf die vor­rückenden Zeiger der Bahn­hofs­uhr. Es tat sich überhaupt nichts mehr. Wollten die mich ein­schlä­fern? Es war bereits Nach­mittag. Was war nur los? Brauchten die so lange von Wrocław hierher, um mich doch noch abzuholen; war die freundliche Entlassung nur eine Finte gewe­­sen, oder hatte der Bäurische höhere Stellen eingeschaltet? Der letzte Zug über die Gren­­­ze war eben abge­fer­tigt worden und zischend davongefahren, ohne mich. Was soll­te das? Vom Bahnsteig aus war die flache Baracke zu sehen, in der die Grenzer im­mer wieder ver­schwan­den. Es half nichts, ich muß­te da rein, in die Löwen­höhle, nahm Koffer und Tasche, holte tief Atem und ging los, öffnete umständlich die Tür. Dahinter saß an einem schräg­ gestellten Tisch ein Wachsoldat und sah mich ver­blüfft an. Wo der Offizier sei, in welchem Zim­mer. Er schüt­tel­te den Kopf. Ich könne da nicht hingehen.

„Und ob ich kann, du darfst mich begleiten!“ Marschierte den Gang entlang, an jede Tür klopfend. Ziemlich weit hinten links gab es Antwort, ich trat ein und da war er, der mein Gepäck durch­­sucht hatte, sah mir neugierig hinter seinem Schreibtisch entgegen. Keine Einladung abwartend, setzte ich mich auf den Stuhl vor dem Tisch und sagte:

„Jetzt habe ich lange genug gewartet, der letzte Zug, der in die Tschechoslowakei fuhr, ist weg. Ich möchte endlich wissen, was los ist, warum und wie lange Sie mich hier festhalten. Sie haben mein Gepäck gesehen, meine Papiere, haben vielleicht lange tele­fo­niert – was noch?“

„Ihre Papiere, das ist das Problem.“

„Wie bitte? Wieso?“

„Das Visum muß drei Durchschläge haben, Ihres hat nur zwei.“ Er hielt es mir entge­gen. Zwei Blätter.

„Das gibts doch gar nicht, und warum sagen Sie das nicht gleich?“ Fieberhaft suchte ich in allen meinen Taschen, doch fand ich nichts, was dem auch nur entfernt ähnlich sah. Er konnte es auch genauso gut weggeworfen haben. „Hören Sie, das Visum ist heu­­te abgelaufen, ich muß über die Grenze. Oder wollen Sie mich morgen festnehmen, weil mein Visum nicht mehr gültig und ich immer noch in Polen bin?“ Er schüttelte den Kopf und streckte abwehrend die Hände aus. „Ja, aber der letzte Zug ist gefahren. Ich kann ja zu Fuß gehen, geben Sie mir bitte meinen Paß, ich werde jetzt gehen.“ Der Raum war gut geheizt, ich war die ganze Zeit draußen in der Kälte gewesen, jetzt merk­­te ich, wie mein Gesicht glühte, und etwas erhitzt, aber nicht unfreund­lich hatte ich zu ihm gesprochen, und wer weiß, mög­licherweise gab das den Ausschlag.

„Warten Sie, wir werden das regeln. Sie fahren mit dem näch­sten Zug.“

„Morgen?“

„Nein, halb sieben fährt noch ein Zug.“

„Morgen früh?“

„Nein, heute Abend, halb sieben abends.“

„Der steht aber nicht auf dem Fahrplan. Ich hatte genug Zeit, ich kenne ihn auswen­dig.“ Er lächelte ein wenig geheimnisvoll.

„Kein Personenzug. Kein Fahrplan. Fährt aber heute noch hinüber.“

„Sicher?“

„Ganz sicher. Haben Sie noch“, er sah auf die Uhr – „diese halbe Stun­de Geduld, ich kom­me recht-zeitig hinaus.“ Was für ein Zug sollte das denn sein? Schnell wurde es dunkel. Auf Gleisen au­ßer­halb des Bahnhofs stand ein Güterzug unter Dampf, sonst war weit und breit keiner zu sehen. Wollte er mich mit dem fahren lassen, im Bremserhäuschen womöglich? Meine gute Laune kehrte schlagartig zurück. Dann sah ich den Grenz­offi­zier aus der Baracke kommen, schräg über die Gleise zum Zug laufen und mir winken, ich solle noch warten. An einem Waggon schob er die Mitteltür auf und stieg hinein. Kurz darauf erschien er an der Tür und winkte mir, zu kommen. Stolperte über die Gleise, wuchtete den Koffer hoch und stieg auf den Eisensprossen hinterher. Stand in einem Postwagen. Von einem Schreibpult voller Papiere, auf die eine Lampe her­unter ­schien, drehte sich ein älterer Mann in Eisen­bah­ner­­uni­form zu mir um, unver­kenn­bar ein Tscheche, stämmig, mit runden Backen und gemüt­lichem Kinnpolster vom guten Bier. Freundlich, schnauzbärtig, ernst, denn das hier war unge­wöhnlich, musterte er mich. Dann stand er auf, öffnete die Klap­pe eines kleinen Eisenofens, daß heller, flackernder Feuer­schein über uns drei mit den plötzlich tanzen­den Schatten fiel und warf Holzstücke nach.

„Sie fahren mit diesem Mann hinüber, es ist nur eine Station, er wird Ihnen sagen, wie Sie weiterkommen.“

„Danke, alles Gute für Polen.“ Er war überrascht, als ich ihm kräftig die Hand drückte, sprang hinunter, schob die Tür zu, legte einen Riegel vor und stapfte durch den Schnee davon.

Der Tscheche hatte mir einen Hocker gewiesen, dann den Rücken zugewandt und beschäf­tigte sich mit den Papieren. Das würde mir keiner glauben, mit oder ohne Foto, und obwohl es mir in den Fin­gern juckte, ließ ich die Kamera, wo sie war.

„Entschuldigung, wann fahren wir?“ Er sah auf seine Arm­banduhr.

„Bald.“

Wie angenehm warm es war, wie gut es sich hier träumen ließ. H., ich komme doch noch. Nicht heute, doch morgen. Ich schrak von einem Ge­räusch auf. Was war das schon wieder, jemand kam zur Tür, machte sich am Riegel zu schaffen, zog ruckweise die Tür auf, steckte den Kopf hinein. Der Grenzoffizier! Was wollte der denn jetzt noch? Mich wieder rausholen – ätsch, war alles nur Spaß, jetzt machen wir ernst? Er kletterte hinauf.

„Kann ich die Tasche noch einmal sehen?“ Nach einer Bitte hatte das nicht geklungen. Ich öffnete die Tasche, zog die Ka­me­ras heraus.

„Kamera Numero eins, Kamera Numero zwei, es ist alles noch da, wie oft wollen Sie mich noch durchsuchen?“

„Was ist dort drin?“ Er zeigte auf das Fach mit meinem Notiz­buch.

„Nichts Wichtiges, etwas zum Lesen für mich.“

„Bitte zeigen.“ Ich holte es hervor, zeigte Vor- und Rückseite. Er streckte die Hand aus, als ich zögerte, fordernder. Wider­strebend gab ich es ihm. Er blätterte darin vor und zurück, sah Namen, Adres­­sen, Notizen, die er nicht lesen konnte, viele Sei­ten. In sei­nem Gesicht malte sich von innen ein Gedanke ab, ich konnte ihn beinah lesen, und als ich sah, daß eine eifer­süchtige Gier ihn erfaßte, griff ich nach dem Heft und zog es ihm ent­schlos­sen aus den Händen.

„Das ist meins, und es bleibt bei mir.“ Beleidigt zog er sich zu­rück, sprang hinun­ter, schob die Tür zu, ohne noch einmal her­auf­zusehen, legte den Riegel vor und ging. Und dann schrillte eine Triller­pfeife, und dann fuhr der Zug! Er fuhr, er fuhr wirklich, rum­pel­­te und ächzte wunder­voll über die Weichen, gewann lang­sam Fahrt auf gerader Strecke.

„Sprechen Sie zu Hause über Polen, und was dort geschieht, über die Gewerkschaft?“

Langsam wandte sich mein Zug- und nun auch persönlicher Be­glei­ter um. Ich dachte schon, er würde überhaupt nicht ant­worten, so lange brauchte er.

„Nun ja, manchmal, es steht doch auch viel in der Zeitung. Wir finden, Streiks sind nicht gut. Die wollen wohl einfach nicht arbeiten.“

„Finden Sie das auch?“

„Ja, doch. Man muß doch arbeiten.“

„Sie wissen doch sicher, daß nur streiken kann, wer auch arbeitet? Aber hätte ich eine so ru­hi­ge Arbeit wie Sie und würde dabei auch noch herumkommen, dächte ich auch im Traum nicht an Streik.“

„Ja, die Arbeit ist gut, aber so viel Verantwortung.“ Damit warf er noch ein paar Holz­schei­­­te in den Ofen und wandte sich seuf­zend wieder den Papieren zu.

Die Fahrt dauerte länger, als ich gedacht hätte, zu Fuß wäre ich wohl erst mitten in der Nacht angekommen. Schließlich hielten wir. Um­ständlich löste der Zugbegleiter den Rie­­gel und schob die Tür auf. Wir stiegen hinab, ich etwas umständlich mit Koffer und Ta­sche, er schob die Waggontür zu, ging voran zu dem kleinen tschechischen Bahnhof und ver­­schwand im hellerleuchteten Dienst­zimmer, wo ich ihn mit anderen Kollegen munter schwat­zen sah. In der kleinen Bahnhofshalle sah ich auf dem Fahrplan, daß heute kein Zug mehr fuhr, erst wieder morgen früh um halb vier einer, der um neun in Prag sein würde. Unruhig lief ich auf dem Bahnsteig auf und ab, darauf wartend, daß mein Zugbe­gleiter herauskäme, ihn um Auskunft zu bitten. Er kam aber nicht, also klopfte ich an das Fenster, was mir unfreundliche Blicke eintrug, konnte ihn aber fragen. Nein, heute würde kein Zug mehr fahren, der letzte Schnellzug nach Prag war vor einer halben Stunde abgefahren, in vierzig Minuten etwa würde aber noch ein Zug von Hradec Kralowe fahren, etwa zwanzig, fünf­und­zwan­zig Kilometer entfernt. Es müß­­te doch möglich sein, diesen verdammten Zug zu erreichen. Vierzig Minuten.

„Wie kann ich denn dort hinkommen?“

„Mit dem Auto ist es möglich, die Schnellstraße ist nicht weit, dort vorn links. Wollen Sie per Anhalter fahren?“ Er sprach lang­sam, fragte immer wieder bei seinen Kollegen nach, und mein Herz drohte mir davonzurasen. So nahe war ich doch schon, und sollte wieder nicht weiterkommen.

„Jetzt fährt doch hier kein Auto mehr.“

„Nein, jetzt wohl nicht mehr.“ Da hatte ich einen Gedanken, und auch den Mut, ihn auszusprechen.

„Sie sind doch hier zu Hause, kennen Sie nicht jemanden hier, der ein Auto hat und mich hinbringen kann? Bitte, denken Sie nach, ich will Ihnen auch sagen, warum. In Prag wartet meine Liebste auf mich, und morgen früh muß ich schon wieder zurück nach Deutschland. Fällt Ihnen niemand ein?“

„Doch, aber ich weiß nicht. Ein Kollege, aber sein Auto fährt nicht. Kein Benzin.“

„Benzin würde ich kaufen. Können wir ihn nicht fragen?“

„Gut, wir werden fragen. Das ist ein kleiner Ort hier, nicht viele Menschen. Moment.“ Umständlich zog er sich seine Pelz­jacke an, setzte die Schirmmütze der Eisenbahn auf und stapfte ruhig voran, einen Weg schräg über kahles Gelände zu einer Reihe klei­nerer Häuser. Ich folgte mit dem Koffer in der Hand und der umgehängten Tasche, dauernd in Gefahr, ihm in die Hacken zu treten.

„Bitte“, rief ich, „können Sie nicht ein wenig schneller gehen, ver­­stehen Sie mich doch, Sie waren doch auch einmal jung und ha­ben geliebt!“ Er sah sich kurz zu mir um und setzte sich doch wirk­lich in Trab, mit seiner ganzen Bier- und Lebensschwere, lief, sich mit einer Hand die Mütze gegen den plötzlich auffahrenden Wind fest­haltend, so schnell, daß ich Mühe hatte wegen des Kof­fers, der gegen meine Beine schlug und eines Lachens, das mir  in die  Kehle stieg, ihm zu folgen. An einer Tür mit kleinem Vor­dach klingelte er schnaufend. Zweimal, dreimal. Ein kleiner Köter kläff­­te auf dem Hof. Dann endlich klappte drinnen eine Tür, schlurfte der Haus­herr herbei, häng­­te eine Siche­rungskette ab, schob ei­nen Riegel beiseite und öffnete die Tür ein wenig, als er den anderen erkannte, ganz. Einen beeindruckenden Bauch hatte er, stand in Trainingshose und Strickjacke vor uns und hörte sich die ganze Geschichte an.

„Nach Prag wollen Sie? Heute noch?“ Mittlerweile war ein hüb­sches Mädchen erschienen, vierzehn oder fünfzehn Jahre alt, das sich bei ihrem Vater einhängte und neugierig hinter seinem Arm her­­vor­lugte.

„Dort wartet meine Liebste, morgen früh muß ich schon wei­ter, vielleicht können wir uns lange nicht wiedersehen.“ Das Mädchen fragte, worum es gehe, die beiden Männer erklärten es ihr lächelnd und mit sanften Stimmen. Da sprang sie hervor und beschwor ih­ren Vater mit leuchtenden Augen, die Hände zu ihm erhoben:

„Papa, Papa, bitte tu es, bring ihn zum Bahnhof, bitte, bitte.“ Er schwankte, sogar sein Körper schwankte leicht. Dann schüt­tel­te er den Kopf und sagte:

„Es geht nicht, wirklich. Das Auto ist sehr alt. Selbst, wenn wir irgend­wo noch Benzin be­kom­men, fürchte ich, daß der Motor un­ter­wegs kaputtgeht und wir die Nacht über auf der Straße verbringen. Das wäre keine Hilfe. Es tut mir leid.“ Herzlich ver­ab­­schie­dete ich mich von ihnen, besonders von dem Mäd­chen, dann ging ich mit meinem Zugbegleiter und hängendem Kopf zurück zum Bahnhof, wo er mir die Hand drückte und auf die Schulter schlug:

„Mehr kann ich nicht tun, leben Sie wohl, alles Gute.“

Immer noch wollte ich nicht aufgeben und ging durch die dicht gewordene Dunkelheit zur Schnellstraße, die in mehrern Schlau­fen, Auf- und Abfahrten in völlig ebenem Ge­län­de lag. Ein kleiner Straßenbaum, an Pfähle gebunden, krümmte sich im peit­schen­­den Wind. Hinter der Straße dunkle Erde, die sich in der Schwärze der Nacht verlor. Stellte mich mit dem Rücken zum Wind, schlug den Mantelkragen hoch, zog den Schal über die Ohren und vergrub die Hände tief in den Taschen. Nach kurzer Zeit fühlte ich mich ver­steinern, von den Beinen aufwärts. Nur das Herz blieb lebendig, tat von Zeit zu Zeit einen schmerz­haften Sprun­g. Das Gesicht fühlte ich kaum noch, nur daß mir Trä­nen über die Wangen roll­ten und im Schal gefroren. Lief ein wenig auf und ab und hüpfte, um mich zu er­wär­­­­men. Die Stiefel waren gut, wenigstens fror ich nicht an den Fü­ßen. Nicht aufge­ben, nein, nicht zurückgehen. Wie ein Sargdeckel lag die Nacht über der Erde. Irgendwo gab es gelbliche Lichter, ein selt­samer orangener Schimmer lag in der Ferne, manche Lichter waren wie kleine, bohrende Augen und bewegten sich: leuch­­tende Würmer, die den Leichnam auffraßen. Der Wind schlug und toste mir um den Kopf. Oft hatte ich schon gefro­ren, besonders als Kind, wie oft bin ich mit bren­nen­den Fingern und Zehen wei­nend nach Hause gelau­fen. Doch nie zuvor hatte ich gespürt, wie die Kälte mir an den Kno­chen nagte. Plötzlich näherten sich Lich­ter, ein Auto, ich winkte heftig, es fuhr vorbei, stoppte, setzte zurück. Ein jüngerer Mann beugte sich zur Beifah-rertür, kurbelte die Scheibe herunter. Wo ich hinwolle. Ich mußte gegen den Wind anbrüllen. Nach Prag. Soweit führe er nicht, nur bis zu einem Ort auf halber Strecke nach Pardubice. Ich stieg ein, den Koffer auf die Rücksitze legend. Hier war es warm, ich taute auf. Von Pardubice war der letzte Zug schon gefahren, aber in der Frühe würde ich weiter­kom­men. Er fuhr schnell, auf seinem Kassettenradio lief tsche­chische Rockmusik.

„Wie weit ist es bis Prag?“

„Bis Prag – hundertsechzig, hundertachtzig Kilometer viel­leicht.“

Ich zögerte, doch was sollte ich machen, er war vielleicht meine Rettung.

„Kannst du mich nicht nach Prag bringen, ich bezahle auch.“ Er schüttelte lächelnd den Kopf.

„Ich habe Kassetten von den Rolling Stones, von Bob Dylan, was du willst.“ (Ich hatte keine). Er dachte kurz nach, schüttelte wieder den Kopf, lächelnd.

„Es ist zu weit, ich wäre erst um vier Uhr zu Hause und muß morgen früh wieder arbeiten.“

„Wenigstens bis Pardubice?“

„Nein, auch nicht. Tut mir leid, Kumpel.“

Da war nichts zu machen, es gab einfach keine Abenteurer mehr. Wobei ich zugeben mußte, daß sich das Abenteuer für ihn in Grenzen hielt. An jenem Ort, den er genannt hatte, stieg ich aus und ver-steckte mich vor dem schneidenden Wind, der die Straße entlang pfiff, in einem Hauseingang. Ab und zu fuhren noch Busse, manche hielten so­gar für eine kurze Pause, doch es waren ge­mie­tete Reisebusse, die niemanden von der Straße auflasen, ich konnte winken und Zeichen geben, soviel ich wollte, hinter den Scheiben glotzen sie mich nur an wie Kugelfische. Bald fuhr gar nichts mehr. Die Kälte durchdrang mich, ich sah seltsame Bilder vor mir, Ka­chel­öfen aus meiner Kindheit, klamme Feder­betten, Zimmer, in denen Menschen waren, ich hörte ihre Ge­spräche wie aus weiter Ferne, ein Gesumm von Stimmen, dazwi­schen Nachrichten. Die Bonner Außenstelle des… Bonn, der Außenminister hatBonn, die Wirtschaft istBonn, die Winterreisewelle hat… Was mußte das für ein schrecklicher Kerl sein, daß der sich so wich­tig machte. ‘Sagt mal, wer ist denn das, dieser Bonn?’ Gelächter. Wenn ich mich anstrengte, in die Gegen­wart zurück­zufinden, sah ich alles verschwom-men, tanzen­de Lichter hinter Nebelschleiern. Dann verlöschten auch sie. Es war stock-dunkel. Irgend­wo mußte ich Schutz suchen, konnte mich kaum noch auf den Beinen halten. Tastend ging ich die Straße entlang, die Türen waren alle fest verschlossen. Auf der anderen Straßenseite war etwas Dunk­les, wie ein Loch in der geschlos­se­nen Front der Häuser. Ein kleines Gartencafé mit weißen Tischen, die ich im Dunkel erst sah, wenn ich mein Gesicht dicht vor ihnen hatte, und mit eisernen Klappstühlen, an deren Kante ich mich schmerzhaft stieß. Immerhin, ich fühlte noch etwas. Stellte sie beiseite, um mich auf ei­nem der Tische zusammen­­zurollen, das Ge­sicht unter den Armen verbor­gen. Sah kurz noch winzige leuchtende Punkte am Himmel.

In der ersten Dämmerung erwachte ich wie aus einer Ohn­macht, bewegte mühsam die schmerzen-den Glieder, rollte und fiel halb vom Tisch. In Richtung Pardubice und Prag fuhr niemand, ging mühsam, mit Gliedern, die sich an mich nicht gewöhnen wollten, zum Bahnhof und fuhr mit dem ersten Zug, in dem ich langsam wieder zum Leben erwach­te. Gegen sieben war ich in Pardubice, fand auch einen Anschlußzug, der nach Prag wei­ter­fuhr, setzte mich in ein warmes Abteil, steckte ein Solidarnosc- Abzeichen an und war wie­der bester Laune, in Gedan­­ken schon in Prag. Ein Tag später, als ich vorhatte, werde ich ankommen, aber was machte das, wir würden den ganzen Tag Zeit haben, erst mit dem allerletzten Zug würde ich zurück­fahren. Ein junger Mann kam in das Abteil, setz­­te sich mir gegen­­über, sah das Abzeichen, sah mich vorsichtig an und fragte, ob ich Pole sei. Nein, aber ich war gerade aus Polen ge­­­kommen, und ich erzählte ihm von meiner Reise, und die Zeit ver­ging wie im Flug. Wir verabschiedeten uns, als ich gerade in War­­schau angekommen war. Der Zug, mit dem wir gefahren wa­ren, hatte in Prag auf dem neuen großen Bahnhof gehal­ten, den Weg zu H. würde ich sogar im Schlaf finden, so ging ich geraden­wegs zu ihr. Ausgeschlossen, daß mir durch diese Nacht jemand gefolgt war. Da war schon das Kellercafé mit den bunten Lampen, in dem wir einmal gesessen hatten, dort das Re­stau­rant, wo ich im Kreis ihrer Freunde das erste Mal mit ihr gesprochen hatte, dann das große alte Haus, der schmale hölzerne Fahrstuhl, in dem ein Freund von ihr einen Mann fotografiert hatte, der gerade aus dem Ge­fängnis entlassen worden war. Ein Portrait der Gefangen­schaft, an das ich jedes Mal dachte, wenn ich den Fahrstuhl be­trat. Schmal, mit eng am Körper liegenden Armen stand er dort im schmalen Gehäu­se des Fahrstuhls wie in einem Schacht, einen kleinen Koffer in der Hand, das Gesicht nach oben gewandt, als hätte er Mühe, zu atmen. Nur die Augen hinter den dicken Bril­­­len­gläsern widersprachen der Haltung des Körpers, sie waren dunkel und durch­drin­gend, gewohnt, Öff­­nun­gen nach draußen zu boh­ren. Mit einem Ruck hielt der Fahr­­­stuhl, da war die Tür, die Klingel. Ich stellte den Koffer ab und klingelte. Noch ein­­mal. Lang­sam schlurfte jemand herbei. Vielleicht die Nachbarin, die manch­mal öffnete, wenn H. nicht da war. Aber die Kinder muß­ten doch zur Schule und in den Kindergarten, seltsam. Die Tür ging auf.

„Ach du? Tschüß.“ Sie verwechselte immer noch Begrüßung und lässigen Abschied, doch was ich sonst komisch gefunden hatte, machte mich diesmal traurig. Sie stand da, im Morgen­man­tel, den sie mit einem Arm um den Leib geschlungen hielt, mehr müde als verschlafen, zerzaust, sah mich kaum an, und lehnte sich an den Tür­pfosten. „Bist du schon zurück?“ Mein Herz, das eben noch laut geklopft hatte, denn ich wollte sie doch in die Arme nehmen, schlug jetzt ganz langsam. Was war passiert?

„Willst du hereinkommen?“ sagte sie nach einer Weile.

„Ja, wenn es dir recht ist“, sagte ich leise. Sie öffnete die Tür und ging voran in den Flur.

„Ich komm gleich, geh schon mal in die Küche.“ Den Koffer ließ ich an der Woh­nungs­tür stehen, ging durch den Flur mit den fremd- vertrauten Gerüchen und setzte mich in der Küche auf einen Stuhl. Was war nur geschehen? Mir fiel keine Erklärung ein. War etwas mit den Kindern? Dann hätte sie es doch sofort erzählt und geweint. Zwi­schen den Scheiben des Doppelfensters stand noch die hohe, grünlich schimmern­de Glas­vase mit der Rose, die H. mir einmal mitgebracht und deren Anblick mir im­­mer den Sinn erhellt hatte, wenn sie gerade nicht da war. Jetzt ließ sie ihren ver­welk­ten dunkel-roten Kopf hängen. Aber sie war noch da. Die Nachbarin, eine liebenswerte äl­­te­­re Dame, kam kurz herein und begrüßte mich.

„Sie waren lange unterwegs. War es eine gute Reise, haben Sie viel erlebt?“

„Ja, das habe ich, sehr viel. Und hier, war alles wie immer? Sind alle gesund, wie geht es den Kindern?“

„Gesund ja, aber Sie wissen, manchmal sind wir traurig. Nur die Kinder sind immer mun­­ter, tollen herum und machen Dumm­heiten. Bleiben Sie länger?“

„Nein, ich glaube nicht, ich muß heute noch weiterfahren.“

„Wieder nach Deutschland? Ach, wie schade. Sie waren doch hier so froh. Alles Gute, Sie kommen doch einmal wieder?“

„Ach, wenn es nach mir ginge… Auf Wiedersehen, Frau Handlikova“

H. war aus dem Bad gekommen, etwas erfrischt und ange­klei­det, nahm sich einen Stuhl und setzte sich mir schräg gegen­über. Gern hätte ich ihre Hand genommen, aber damit mußte ich warten, wenn es überhaupt noch einmal möglich war.

„Ich muß dir etwas sagen.“ Sie sah mich noch immer nicht an, war unendlich traurig, aber gesammelt.

„Ja“, sagte ich leise, „ich höre dich.“

„Es fällt mir nicht leicht, doch es ist wichtig. Du bist ein sehr guter Freund, deshalb will ich ganz aufrichtig sein. Weißt du, auch bevor wir zusammen waren, hatte ich Freun­de – Männer. Das weißt du, ich habe es dir erzählt.“ Sie stellte einen Fuß auf die Quer­­leiste des Stuhls, auf dem ich saß, die erste Annäherung, seit ich angekommen war. Dann sagte sie leiser: „Ich habe wieder mit Männern geschlafen, als du verreist warst. Mit mehreren. Oft. Ich wollte es eigentlich nicht. Aber – nun ja.“ Langsam wandte sie ihren Blick vom Fußboden, oder wo immer er gewesen war und sah mir ins Gesicht, wie aus weiter Ferne kommend. „Jetzt mußt du sagen, was du tun willst. Wenn du möchtest, trotz – dem, kannst du bleiben, wenn nicht…“

„Ich möchte bei dir sein.“ Fast so langsam, wie ihr Blick zu mir gekommen war, reichte ich ihr meine Hand, die sie erst erstaunt ansah, dann ergriff, und endlich lagen wir uns in den Ar­men.

Am Abend, nicht ohne zuvor die wichtigsten Erlebnisse meiner Reise berichtet und Grüße ausge-richtet zu haben, lag ich mit glü­hen­­dem Kopf und vierzig Grad Fieber im Bett. Der herbei­geru­fene Arzt stellte eine schwere Grippe fest und schrieb mich krank, in der Tat, ich war reiseunfähig.

„Was machen wir mit deinem Koffer?“, fragte H., er muß ja wohl nicht mehr an der Tür stehen?“

„Am Besten, du schiebst ihn unter das Bett, wo doch sonst auch alles Staastfeindliche liegt.“ Sie hatte mir vor der Reise er­zählt, wie bei einer Hausdurchsuchung Lena, ihre klei­­ne Tochter, unters Bett gekrochen war, und als die Polizisten gegangen waren wie­­der hervorkam, mit verbotenen Schriften in den Händen.

H. und Frau Handlikova pflegten mich hinge­bungs­voll, manch­­mal tauchte ich aus meinen Fieber-träumen auf und sah einen von H.´s Freunden am Tisch sitzen, dem sie von meiner Reise erzählte, hörte sie lachen und seltsam unwirklich- glücklich sank ich wieder weg, von der Musik der fremden Spra­che ein­ge­wiegt. Wenn ich die ver­trocknete Rose ansah, schien sie mir wie­der schön, obwohl sie traurig war. Ich konnte mich noch gut erin­nern, wie sie im Licht gestrahlt hatte. Jetzt war sie dunkel, vol­ler Schat­ten und wärmte nicht mehr, doch unverkennbar war es die gleiche Rose. In den Stun­den, in denen ich wacher war, berichtete sie mir von ihren Freunden, deren heim­­lichen Schwächen und Fehlern. Da war jener katho­­lische Priester, der nicht mit seinem Glauben, aber mit der Kirche haderte, weil die angepaßt und staatstreu war, und weil er zum Zölibat verpflichtet war, aber mit H. geschlafen hatte. Ich mochte ihn sehr, er war zwei Jahre älter als ich, aber immer noch ein Junge, der einfach unheimlich gern lachte. Zu einem Glas Wein konnte ich ihn aber nie über­reden. Da war der Freund ihres Vaters, ein schöner, beein­drucken­der Mann, der heimlich in sie ver­liebt war und sich jedes Mal von uns mit den Worten „Macht keine Dummheiten!“ verab­schiedete, wo­­rauf wir, wenn er gegangen war, wie alte Verschwö­rer lachten. Ich entdeckte aber auch eine Schwäche bei mir selbst. H. hatte mir ein Fotoportrait von sich gegeben, das Ivan, der Fotograf gemacht hatte, von dem auch das Bild des entlassenen Gefan­ge­nen im Fahrstuhl stammte. Von diesem Foto war ich ganz bezaubert, es zeigte sie an einer inneren Grenze, schmerz­lich lä­chelnd, geheimnisvoller als das Lächeln der Gioconda, wie ich fand. Nein, das stimmte nicht, ich glaubte ja gerade, ihren Schmerz und ihr Lächeln zu verstehen. Als sie sah, wie intensiv ich mich ihr Portrait beschäf­tigte, erschien ein besorgter Zug auf ihrem Gesicht, und ich neckte sie, indem ich so tat, als würde mich das Bild mehr anziehen als ihr lebendiges Gesicht. Ein Spiel, das nicht ganz unschuldig war, denn es handelte von Macht; der Macht, die ein Bild über mich gewinnen konnte und einer Macht, die ich damit über sie bekam, denn es fing an, sie zu ängstigen. Ich spürte deutlich die Verführung und löste das Spiel auf, indem ich sie nah zu mir lockte, mein Gesicht hinter dem Bild versteckte und es schnell weg­zog, ihre Augen, ihre Stirn, die Au­gen­brauen, ihre Wangen, ihr Kinn und die Lippen küßte. Ein Bild kann Küsse nicht erwidern.

Nichts glich jenen Augenblicken, wenn H., neben mir am Bett knie­end, eifrig von den Begebenheiten des Tags be­rich­tete, wie sie die Kinder abgeholt hatte, welches deren neue und alte Freun­de wa­ren, wen sie alles getroffen hatten, was  Pjotr, der hüb­sche und ungeschickte Junge wieder zer­­brochen oder aus­ein­an­der­­ ge­nom­men und nicht wieder zusammen bekommen hatte, worü­ber sie niemals schimpfte, sondern eben – schmerzlich lä­chelte; was Lena, das Mädchen mit den klugen grauen Augen und der königlich hoch gewölbten Stirn für einen neuen Ge­dan­ken geäußert hatte. Es waren Feste, wenn sie Weizenbrot mit Bier und Hefe buk, das wir, noch warm, mit Knoblauch und selbst­gemach­tem Schmalz aßen. Regel­mäßig bei Einbruch der Dämmerung meldete sich die Stadt mit dem schrecklichsten, nicht en­den wollenden Polizei- und Krankenwagen- Gejaul, das ich je gehört hatte. Jedesmal erschrak ich neu, als schrieen sie: Wir sind auch noch da, vergeßt uns nicht! Es kam der Tag, als ich zum ersten Mal wieder aufstehen und hinausgehen konnte. H. ging für­sorglich an meiner Seite, und als wir die Küchentür passierten, zeigte sie mir den Haken und die Öse, die sie angebracht hatte, nachdem Pjotr eines Nachts auf der Su­che nach ihr in der Küche gestanden und mit großen Augen auf sie und einen fremden Mann im Bett gesehen hatte. Wo das Ende des Ha­kens aufs Holz traf, hatte sich eine tiefe Spur ein­ge­­gra­ben, auf die sie ernst zeigte.

Ich mußte mein Visum verlängern lassen, was mit dem Kran­­ken­schein kein Problem war, nur wußte ich nicht, wohin ich mich wenden mußte, und H. natürlich auch nicht. Auf dem Bahn­hof fragte ich eine junge Frau. Sie wußte es, denn sie arbeitet in einer Hotel- Rezep­tion, ich solle mit ihr kommen, für einige Stationen hätten wir den selben Weg. Stellte fest, daß ich kein tschechisches Geld hatte und bat sie um eine Krone für die U- Bahn. Sie such­­te in ih­rem Portemonnaie die Mün­­zen zusam­men, die sie hatte und gab mir dann noch einen Schein, zwan­zig Kronen. Mehr hätte sie nicht bei sich, sagte sie bedauernd. Ob ich ihr dafür nicht ein paar Mark geben könne. Sie lehnte ab und sagte, wie unan­ge­nehm es ihr sei, wenn ihre Kol­le­gin­nen im Hotel nur noch für West­geld arbei­teten. In der Bahn fragte ich sie, was sie über die Ereignisse in Polen denke, ob darü­ber ge­spro­chen werde. Reflexartig sah sie nach links und rechts. „Ich hoffe sehr, daß es die Polen schaffen, es gibt aber auch viele, die sagen, die Polen sind nur zu faul zum Arbeiten. Kommen dann zu uns und kaufen alles weg. Hier ist im Moment nichts zu machen. Die Menschen sind müde“

Für zehn Tage war ich krankgeschrieben, länger würde mich kein Arzt krankschreiben, es sei denn, ich müßte ins Kranken­haus. Vier Tage hatten wir davon noch übrig, ein Geschenk. Wir gingen zu­­sammen durch die Stadt, zeigten uns gegenseitig unsere Ge­heim­­­nisse, die Or­te, die wir ohne den anderen lieb gewonnen hat­ten, und stell­ten fest, daß es oft die gleichen waren: In den ver­schlun­ge­nen Gassen der Alt­­stadt ragte der schwere Ast eines Baumes als Riesenarm über ei­ne Mauer; das weitläufige Schnell­restaurant „Ko­­runa“ am Fuß des Wen­­­­­­zelsplatzes, wo wir die ge­kühl­te Erdbeermilch tranken, zwei Glä­­­­ser hintereinander. Ich er­zählte ihr, wie ich hier vor vielen Jahren eine junge Vietnamesin gesehen hatte, die sehr allein in der Menge stand, mit langem, glänzend schwarzem Haar, das über ihr rotes Kleid fiel und dem schwarzen Abzeichen einer Kalaschnikow über der Brust. Diese Erinnerung war weniger ein Bild, eher ein Lied, für das ich die Worte nicht kannte. Wie sie da gestanden hatte, allein, grazil, auf­recht, mit dem schönen, stolzen, frem­den Gesicht in dem Tumult um sie her. Viele Orte gab es noch in dieser Stadt, die voller Ge­heim­nis und wie verwunschen wa­ren: gestaffelte, schiefe Dächer, runde Torbögen mit stillen Höfen da­hin­ter, Galerien, Durchgänge wie Tunnel von einer Stra­ße zur ande­ren, seltsame Gärten, aber von allen Seiten fraßen sich die barbarischen Maschinen der Mo­der­ne heran, lärmend, stinkend, rücksichtslos.

Eines Abends nahm sie mich mit zu einem Faschingsball, den die Opposition am in einem Lokal am Rand der Stadt veran­stal­tete. Kostüme waren Pflicht. Über einen dicken Pullover zog ich ein Flanellhemd an, dessen Ärmel ich etwas aufgekrempelt hatte. Ich ging als Pole, ein Kostüm, das gut ankam, aber bei der Prä­mierung nicht berücksichtigt wurde. Den Preis für das schönste Kostüm gewann die stolze Olga Havlowa, Vaclaw Havels damalige Ehe­frau, die als Burgdame auftrat und ganz allein zu tschechischen Ope­rettenmelodien und Schlagern tanzte. Es wurde gewitzelt, daß sie nach dem Sturz des Regimes wohl auf die Burg wolle, den Sitz des Präsidenten. Havel selbst war noch immer im Gefängnis, und wir diskutierten über sein Buch „Versuch, in der Wahrheit zu leben“, das vor Kurzem auf deutsch erschienen war. „Der Ver­such, in der Zärtlichkeit zu leben, ein ganzes Leben lang so wie jetzt, beschäftigt und interessiert mich im Augenblick eigent­lich mehr. Ich fürchte auch, daß es schwerer ist“, sagte ich. H. nickte und wiedersprach mir gleich­­zeitig:

„Das gehört doch zusammen, wenn es nicht sogar das Gleiche ist. Wer der Wahrheit Gewalt antut, zerstört auch die Zärtlichkeit. In der Wahrheit, das heißt doch nicht, die Wahrheit ein für alle Male erkannt zu haben und sie nun zu vertreten oder durch­zu­setzen, das heißt doch, bereit zu sein, sie immer wieder neu zu su­chen, und vor allem selbst nach dem zu leben, was man gefunden hat.“

Dann schlug uns ein junger Mann mit strähnigen langen Haaren und flaumigem Vollbart in Bann, mit seinem Akkordeon, aus dem er schräge Töne und heftige Rhythmen quetschte und riß, zu denen er leidenschaftlich, mit heftiger Liebe lange Balladen sang. Das war Jimmy, ein trunkener, ein entzün-deter Sänger, wie ich sel­ten einen gesehen habe.

Wenn die Kinder im Bett waren und der Abwasch erledigt, setzten wir uns in das Zimmer, wo sie gern las, Briefe schrieb und Mu­sik hörte. Sie liebte über alles die Platte einer russischen Sän­ge­rin, die meist in Pariser Cafés auftrat und mit rauher, warmer Stim­me alte und neue Gefängnislieder sang. Lieder von Dieben, Ban­­diten und Ge­fange­nen.

Immer wieder trafen wir auf unseren Gängen durch die Stadt Freunde von H., mit denen sie, nachdem sie uns miteinander bekannt gemacht hatte, ausgiebig plauderte. Doch einmal trafen wir in einer der Straßenunterführungen einen großen Mann mit rötlichem Haar, dem sie mich nicht vorstellte, und der ihr offen­sichtlich unangenehm war, der aber trotz ihrer halb abgewandten Haltung wie getrieben auf sie einsprach. Als er gegangen war, sagte sie:

„Der ist bei der Stasi, wir wissen das schon lange, er hat meh­rere von uns verpiffen.“ Und mit einem Seitenblick zu mir: „Mit dem habe ich aber nicht geschlafen.“ Es war das einzige Mal, daß ich un­freundlich wurde, als ich antwortete:

„Das ist ja wohl das Mindeste. Warum solltest du mit ihm ins Bett gehen, wo du ihn überhaupt nicht leiden kannst, willst du Gegen­spionage machen?“ Sie staunte:

„Woher weißt du, daß ich ihn nicht leiden kann, war das zu sehen?“ Der Gedanke war ihr unange-nehm.

Eines Abends, ich war fast vollständíg wieder genesen, waren wir länger unterwegs, die Kinder übernachteten bei Freunden. es war dunkel, Mitte Februar und nicht mehr so bitter kalt. Ein leichter Nebelschleier lag über den Häusern. Nur wenige Men­schen begegneten uns auf den Straßen, als wir hinter uns Schritte registrierten, Schritte, die uns folgten.

„Der ist schon eine ganze Weile hinter uns“, flüsterte Hanna und drückte meine Hand fester. Wir gingen schneller, der andere auch, wir gingen langsamer, der andere auch. „Was machen wir jetzt?“ fragte sie flüsternd.

„Ich weiß nicht, ist er sehr groß, kann ich ihn ver­prügeln?“

„Mir ist nicht nach Lachen zumute.“

„Kennst du dich hier aus, vielleicht gibt es einen Durchgang?“

Sie zog mich hinter sich her, probierte im Vorbeigehen, ob sich eine Haustür öffnen ließ, dann bogen wir um eine Ecke in eine schma­le gebogene Seitenstraße, liefen ein Stück so leise und schnell wir konn­ten und fanden einen Hof mit umlaufenden Galerien und hölzernen Trep­pen, deren knarrende Stufen wir vorsichtig und et­was außer Atem hinaufstiegen. Ganz oben angelangt, hockten wir uns aneinandergeschmiegt in eine dunkle Ecke. Auf dem Hof brannte kein Licht, doch durch den Tor-bogen fiel das gelbe Licht einer Straßen­laterne. Wir saßen eine gute Weile da oben, ich wollte mich schon erheben, als wir langsame, laute Schritte hörten, die durch die Ein­fahrt hallten, dann über das Pflaster des Hofes kamen und stehen blieben. Hanna hielt mich fest, als ich hinunter-spähen wollte, ich mußte sie kurz beruhigend streicheln. Mitten im Hof stand ein ziem­lich großer Mann mit leicht gespreizten Beinen, den Kopf arro­gant zurückgeworfen, lauschend, lauernd. Das war doch ganz schlech­tes Kino, wie konnten wir uns vor dem ängstigte, das mußte aufhören.

„Wir gehen runter, flüsterte ich,  das ist doch einfach blöd, uns hier wie die Kinder zu verstecken.“

„Nein, wir gehen nicht.“ Sie zog mich zu sich und hielt mich fest. Eine Weile geschah nichts. Er wußte, daß wir hier waren, wahr­­schein­lich war das der einzige offene Hof in der Gegend. Wir konnten doch nicht die ganze Nacht hier im Dunklen hocken.

„Wir ge­hen rechts an ihm vorbei, du außen. Er freut sich an un­se­rer Angst, komm“, sagte ich leise, nahm sie fest bei der Hand und so gingen wir die Treppe hinunter. Er kam uns von der Mitte des Ho­fes langsam entgegen. Sehr dicht gingen wir an ihm vorbei, ich streifte ihn mit dem Ellenbogen, sah kurz in sein Gesicht, mit dem verächtlichsten Ausdruck, den ich zustande brachte. Der Bann war gebrochen, er blieb zurück. H hatte den Mann noch nie vorher gesehen.

Es lag immer noch ein wenig Schnee, und wir gingen mit den Kindern in einen Park rodeln. Die Kinder jauchzten, fuhren ab­wech­selnd miteinander und Hanna, doch Pjotr wollte unbedingt mit mir auf dem Schlitten fahren. Ich setzte ihn vor mich und wir sausten hinunter, doch weil er das Bein auf der anderen Seite zum Lenken rausstreckte als ich, landeten wir unsanft an einem Baum, der Schlitten kippte um, Pjotr machte einen Satz  nach vorn und holte sich eine Beule. Ich machte mir Vorwürfe, denn ich hatte ihn nicht festgehalten. H. stürzte herbei und nahm ihn in die Arme, um ihn zu trösten.

„Ach Pjotr, mein Dummköpfchen, was für ein schönes Horn du hast.“ Auf dem Heimweg fiel mir ein, wie mir von meiner Groß­mutter diverse Beulen mit Hilfe eines gekühlten Messers weg ­poliert worden waren, und wir wollten das Verfahren bei Pjotr anwende­nen. In der Küche sah er sehr mißtrauisch auf das große Messer, das H. in das Eisfach gelegt hatte, und wir mußten ihm er­klä­ren, daß Messer nicht nur zum Schneiden dienten.

Schließlich kam der Tag, an dem ich fahren mußte. Ich verab­schie­dete mich von Frau Handlikova und den Kindern, H. brachte mich zur Tür, wo wir uns noch einmal heftig umarmten und küßten. Wir wußten, es war ein Abschied für lange Zeit. Dann nahm ich den Koffer, fuhr im Fahrstuhl hinunter, in dessen mattem Spiegel mir ein fremdes, leicht verstörtes Gesicht mit großen Augen entgegensah. Auf der Straße sah ich noch einmal zurück. H. stand am Balkon und winkte, bis ich hinter der Ecke ihren Blicken entschwunden war. Auf dem Bahnsteig sah ich andere auf mich warten, zwei in schwarzen Lederjacken, jeweils am Geländer der aufwärtsführenden Treppen. Die machten keine Anstalten, sich zu verbergen, sie wollten gesehen werden. Der Zug stand be­reit, ich stieg ein, der russischen Schlaf­wagen war leer. Ein russsicher Schlafwagen! Die waren mit Abstand die komfortabelsten. Ging in ein Abteil, schloß die Tür, legte den Riegel vor und fühlte mich wohler. Ach, auch wenn es albern, nur ein Symbol war, aber ich hatte doch etwas zwischen ihnen und mir verschlossen. Dachte an H. und ihre Angst, die ich nur zweimal deutlich zu sehen bekommen hatte, und auch nur, weil ich ihr so nahe gewesen war.  Vorsichtig zog ich die Jalousie am anderen Fenster beiseite, auch da, auf dem gegen­überliegenden Bahnsteig, standen sie zu zweit. Die Trillerpfeife ertönte, der Zug fuhr an, und halb mit Schaden­freude sah ich auf die in den Lederjacken, wie sie auf dem Bahn­steig zurückblieben, halb mit Sorge dachte ich an H. und ihre Freun­de.

Machte das Licht am Kopfende an und warf mich aufs Bett, die Reise war fast zu Ende, es gab jetzt nur noch ein Problem zu be­wäl­­­tigen, aber das hatte noch etwas Zeit. Auf eine unruhige Nacht, in der ich auf der Liege umher gerollt wurde und Träume von endlosen Reisen mich heimsuchten, folgte ein fahlgrauer Mor­gen. Un­ruhig ging ich die Gänge entlang, sah mir die Mit­rei­senden an. Ich mußte eine Entscheidung treffen, mit großer Ge­schwindigkeit nä­her­ten wir uns der Grenze. Dort erkannte ich jene Eisenbrücke wieder, die über einen kleinen Fluß führte, und die ich einmal, auf einer früheren Reise, voller Arbeiter gesehen hatte, die auf den schrägen Streben, auf den Trägern lagen mit Werkzeugen in den Händen. Dies gehörte zum Schatz der mythischen Bilder, die sich mir mit besonderer Kraft eingeprägt hatten, schon allein, weil ich sie niemendem zeigen konnte. Weiter hinten kam jetzt das eigenartige Gelände, das mit seinen Baracken, dem hohen Wachturm und dem Stacheldrahtzaun nichts anderes sein konnte, als ein Gefangenenlager. Davon gab es ein Foto, das ich allerdings auch kaum jemandem zeigen konnte. Dahinter lag ein Fabrikgelände mit hohen Schorn­stei­nen. Stellte mich im Gang neben einen Mann mittleren Alters, der sympathisch schien, legte mir die Worte zurecht, wie ich ihn ansprechen könnte, bekam aber den Mund nicht auf. Sah ihn an, sah aus dem Fenster, es war unmöglich. Bot ihm eine Zigarette an, doch er rauch­te nicht. Auch er sah aus dem Fenster, fühlte sich gestört. Nicht nur mich, auch die anderen Reisenden zog die Grenze, je mehr wir uns ihr näherten, in ihren Bannkreis. Sie kündigte sich an, indem sie eine Grenze um jeden zog. Also, wie sollte ich die belichteten Filme retten? Fünfzehn Filme, wieviel mögliche Fotos! Um das Tagebuch machte ich mir weniger Sorgen, darin waren nur polnische Namen, die würden ihrer Jagdleidenschaft nicht dienen. Darüber, daß ich wieder aus dem Zug geholt werden würde, machte ich mir keine Illusionen. Eine Mög­lich­keit, die ich in al­len Einzelheiten erwog, war, sie in einer kleine Tüte zu ver­packen, sie mit meiner Adres­se zu versehen und sie jemandem an­zu­­ver­trauen, der nach Deutschland fuhr. Genau da lag die Schwie­rig­keit. Er mußte harmlos aussehen, damit sein Gepäck nicht eben­­falls allzu gründlich durchsucht würde. Er müßte gleichzeitig mein An­lie­gen verstehen und bereit sein, ein gewisses Risiko auf sich zu neh­­men. Ich selbst mußte ihm auch soweit vertrauen, daß er die Filme auch wirklich aufbe­wahrte und nicht etwa als Aller­erstes, wenn sie ihn böse ansahen, an die Grenzer auslieferte. Mit Tschechen, dachte ich, fiele es mir leichter, zu sprechen, aber denen wollte ich gar kein Risiko auf­bür­den, die waren genug mit ihren eigenen Ange­legenheiten belastet, überdies würden sie bis auf sehr, sehr Wenige den Zug ohnehin vor der Grenze verlassen. Einem Unbekannten zu vertrauen, ihm die Fil­me anzuvertrauen, die ich bis hierher gebracht hatte, dazu war ich nicht imstande. So blieb mir nichts, als dem Unvermeidlichen entgegenzusehen. An der letzten Sta­tion vor der Grenze stiegen fast alle Tschechen aus. Die zwei oder drei, die noch im Zug waren, drückten sich in ihre Sitze. Dann fuhren wir das letzte Stück zur Grenze. Rechterhand lag ein See, dann kam schon der kahle Kasten der Grenzkaserne, Stachel-drahtzäune, Uniformierte mit Hunden, die sich in regel­mäßigen Abständen auf den Bahnsteigen verteilt hat­ten. Der Zug hielt. Türen schlugen, die Grenzer mit ihren Bauch­­läden und Stem­­peln gingen durch die Gänge, dann die Zöllner, dann die Unteroffiziere in Over­alls mit Handwerkszeug und Ta­schen­lam­pen, die jeden Hohlraum, jedes mögliche Versteck durch­suchten. Der Offi­zier mit dem Bauchladen verschwand mit meinem Paß, dann kamen sie zu dritt. Gelassen bleiben, das war jetzt das Einzige, was ich noch tun konnte. Natürlich protestierte ich laut, als sie mich aufforderten, ih­nen zu folgen, natürlich ließ ich mich zweimal bitten.

„Ist das alles an Gepäck?“ fragte einer von ihnen, mißtrauisch auf den Koffer und in die Nachbar-abteile sehend. Als er nach mei­­­­nem Koffer griff, sagte ich:

„Halt“, nahm ihn selbst in die Hand, hängte die Fototasche um, stieg aus dem Zug, ging die Wagenreihe entlang, flankiert von den Grenzern, verfolgt von neugierigen und mitleidigen Blicken. In der Baracke ein kahler Raum mit hohem Tisch.

„Legen Sie den Koffer dorthin. Öffnen Sie ihn.“ Ich schüttelte den Kopf.

„Wenn Sie so neugierig sind, machen Sie ihn selbst auf.“ Sie ließen sich Zeit, es kamen noch mehr Uniformierte, sie waren jetzt zu fünft, dann zu sechst. 

„Ausziehen.“ Ich zog den Mantel aus, ließ ihn auf den Boden fallen.

„Weiter, weiter!“ Einer bückte sich nach dem Mantel, leerte die Taschen, untersuchte das Futter, die Nähte. Zog den Pullover aus, ließ ihn fallen.

„Weiter.“ Sie zeigten auf die Schuhe. Zog die Schuhe aus. Einer hob sie auf und durchsuchte sie.

„Strümpfe auch.“ Zog die Strümpfe aus. Die waren frisch ge­wa­schen. Einer hob sie auf und befühlte sie.

„Hose, Hemd.“ Zog sie aus und ließ sie fallen. Einer hob sie auf und befühlte Aufschläge, Kragen und Nähte.

„Unterhemd.“ Zog es aus und ließ es fallen. Wortlos zeigte ei­ner auf die Unterhose, der Finger machte eine Bewegung nach unten, der grinste. Nackt ließen sie mich stehen und versammel­ten sich um den Koffer.

Es war nicht ohne Komik, wie sie sich daranmachten, ihn zu öffnen, denn da gab es kein Zahlen-schloß, keine Geheimkniffe, nach denen sie suchten, ledig­lich einen rundum laufenden Reiß-verschluß, der sich von zwei Seiten aufziehen ließ. Also zogen sie schließlich von zwei Seiten, einer rechts, der andere links, es war ein wenig wie in dem Mär­chen von der Rübe, wo einer am anderen zieht, bis alle gemeinsam endlich die riesige (rote) Rübe aus der Erde bekom­men. Damit waren sie gleichzeitig in der Mitte angelangt und konnten den Deckel immer noch nicht zurück-klappen. Aber der erste hatte schon zugegriffen, hielt einen Film in der Hand und zeigte ihn tri­um­phierend her­um. Dann war endlich der Deckel offen, und nun konnte ich mitzählen. Jedesmal protestierte ich, schließlich war ich aus Polen gekommen, was ging sie an, was ich von dort mit­brachte? Aber mehr, als sie damit unaufmerksamer zu machen, konnte ich nicht erhoffen. Der Koffer war voller schmutziger Wäsche, von getrocknetem Schweiß gehärteten Strümpfen, durchgeschwitzten Unterhem­den, gelblich verfärbten Unterhosen. Da­hi­­nein hatte ich, so gut ich konnte, die Filme ver­senkt. Mit spitzen Fin­gern und sichtlich angewidert fummelten und tasteten sie her­um, der Ekel störte ihre Leiden­schaft empfindlich. Sieben, acht, Schluß. Der Deckel wurde zugeklappt.

„Anziehen.“ Sieben Filme, fast die Hälfte, waren mir geblie­ben, die Frage war nun, welche. 

Ihr, das heißt, ihrer Herren Interesse an Fotografien war doch er­staunlich. Die selbst nur fälschen konn­­­ten, schon allein, weil sie alles, Menschen, Land­schaften, We­sen und Er­eig­nisse, wie durch umgedrehte Fern­gläser ansahen, waren immer auf der Jagd nach dem echten Stoff.

Mit dem nächsten Zug am Nachmittag fuhr ich weiter, legte einen neuen Film in die Kamera ein und fotografierte aus dem fah­­­renden Zug den Wachtturm an der Grenze und zwei Soldaten in weißen Kampfanzügen. Vor ihnen an der Leine ein Schäferhund, der sie in wilden Sprüngen durch die Schneewehen am Zaun zerrte.

 

Ich war dreißig Jahre alt, und für die nächste, noch unabsehbar lange Zeit bewegte sich mein Geist entlang der Grenzen, die ich bereits hinter mir gelassen hatte.


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