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Die Eukalyptus-Route

Wie der Baum nach Portugal kam und dann die Welt eroberte

I Das Indien Europas und seine botanische Entdeckung

 

Am 18. August des Jahres 1797 gingen in Hamburg zwei Männer an Bord eines Schiffes, das sie von Hamburg nach Lissabon bringen sollte, jedoch wegen anhal­tend schlechten Wetters an der englischen Küste vor Anker ging, woraufhin sie im September ihre Reise zu Land fortsetzten. Sie durchquerten Frankreich, reisten durch Spanien und betraten schließlich am 11.Februar 1798 in Elvas portugiesischen Boden. Der eine von ihnen, Graf Hoffmannsegg, hatte Portugal zwei Jahre zuvor bereits kennengelernt und Heinrich Friedrich Link, Professor der Botanik, gebeten, ihn auf dieser Reise zu begleiten. Von Lissabon aus unternahmen sie mehrere Reisen in die Umgebung. Im Mai 1798 gingen sie in den Norden durch Torres Vedras, Obidos, Caldas da Rainha und Geres. In diesem Gebirge hatten sie das Geschick, ein Dorf zu besuchen, das Geschichte schrieb, Vilarinho das Furnas, ein gemein­schaft­lich verwaltetes Dorf mit eigenen Gesetzen und Regeln, dessen vorsintflutliche Reste in einem Stausee liegen und dessen zerstreute Bewohner bis heute die Erin­nerung an diesen Besuch bewahren. Sie passierten Coimbra, wo sie sich mit dem Botanik-Professor Felix de Avellar Brotero trafen, mit dem Link sich befreundete, und kehrten im August 1798 aufgrund starker Hitze nach Lissabon zurück. Im Frühjahr 1799 durchquerten sie die Algarve, im Sommer dieses Jahres Montejunto.

Wie Hoffmannsegg im Vorwort zu seinem elf Jahre später veröffentlichten unvergleichlichen Werk Flore Portugaise bestätigt, war der folgende Satz Linnés der Anreiz für ihr Kommen nach Portugal: »Nachdem die Botaniker alle Teile Europas durchquert haben, fehlt ihnen nur Portugal, Land reichster Vielfalt, welches Europas Indien genannt zu werden verdient . . .  Wird denn niemand kommen . . .  der der literarischen Welt genau dies geben kann, eine Arbeit aus dieser Region? Mein Gott! Was für ein wünschenswertes Werk wäre das nicht, wer könnte je einen solchen Blumenstrauß vergessen.«

Portugal liegt von drei Eiszeiten wie zusammengestaucht, in der Mitte jedoch flach wie eine Schüssel am Westrand Europas, durchzogen von Strömen und kleineren Wasserläufen, die alle dem Atlantik zufließen. Die vielfach durchfaltete und vielfältig geschichtete, starker Sonne ebenso wie starkem Regen und Stürmen ausgesetzte Landschaft, bringt dieses in Europa einzigartige pflanzliche und arboreale Patchwork hervor. Hoffmannsegg und Link sammelten auf ihrer Reise 2069 von heute 3000 bekannten Pflanzen. Der Graf fertigte Zeichnungen, die von großer Schärfe, Detail- und Farbtreue bei gleichzeitig eleganter Komposition sind, Meisterwerke ihrer Art. Dabei war er ein einfacher Mann. Der schwedische Pfarrer Cari Israel Ruders, der zwischen 1798 und 1802 in Portugal lebte, berichtet folgendes: »Einer meiner Freunde zeigte ihn mir eines Nachts in der Oper mit der kuriosen Bemerkung: Dass er weise ist, sieht man unfehlbar, aber dass er Graf ist, das muss einem erst einmal gesagt werden.«

1799 kehrte Link, zwei Jahre vor seinem Reisegefährten, der seine Studien fortsetzte und die Sammlung vervollständigte, nach Deutschland zurück und schrieb einen Reisebericht1, den er wie folgt einleitet:

»Wir beschäftigten uns mit der Naturkunde, besonders der Botanik dieses Landes, mit einer Thätigkeit und einem Enthusiasmus, wovon sich nur die Lieb­haber dieser reizenden Kunst einen Begriff machen können. Als ich zurückkam, las ich alle Reisebeschreibungen von Portugal, welche ich nur erhalten konnte. Ich fand, dass unter allen diesen Reisenden keiner so viel von diesem Land gesehen hatte, als wir; ich fand ferner bei den meisten eine große Unwissenheit in der Sprache, eine Menge falscher, und solcher Nachrichten, welche nur auf die Einwohner der Hauptstadt passen, aber fälschlich auf das ganze Land ausgedehnt werden. Ich fand nur Klagen über die faulen, bigotten und räuberischen Portugiesen . . . Ich ergriff die Feder zur Verteidigung meiner Portugiesen; ich wollte den Charakter der Einwohner, ihre Lebensart, ihren Ackerbau, den ich, wegen meiner Beschäftigungen, genau kannte, unpartheylich schildern, und unvermerkt wurde aus einer Apologie eine Reisebeschreibung.«

Die beiden Naturforscher gingen weite Strecken zu Fuß, wie es ihr Anliegen erforderte und wie aus Links Reisebericht erkenntlich. Das ließ sie nicht nur der Natur, selbstverständlich auch den Menschen der Landschaft, die sie durchreisten, näherkommen.

 

»Die Höflichkeit, das leichte, muntere, freundliche Wesen des gemeinen Volkes nimmt sogleich mehr für die portugiesische Nation ein, als für die spanische; und man ändert dieses Urteil nicht, solange man in diesem Land unter den niedrigen Volksklassen bleibt; allein man fällt ein geradezu entgegengesetztes Urtheil, sobald man die höheren Stände kennen lernt.« Dann eine Bemerkung, die ebenso aktuell anmutet: »Der innere Handel, der allein einem Lande Leben und Stärke giebt, fehlt in Portugal fast ganz...«

Lebendig schildert Link die Landschaften, den ersten und zweiten Eindruck, den sie in ihm hinterlassen, Erdformationen, geologische Besonderheiten, den allgemeinen Pflanzen- und Baumwuchs. Länger hält er sich bei der immergrünen Steineiche Quercus ilex auf, beschreibt ihre vielseitige Verwendung für Holzkohle, ihre Eicheln sowohl für die Schweinemast als auch geröstet für menschliche Ernäh­rung. Er findet sie durchaus schmackhaft, fügt jedoch hinzu, dass sie nur »eine Speise für die Armen« gäben. Er wundert sich, dass der Baum, der den »Reichtum der Gegend« ausmacht, nicht kultiviert wird, sondern seine Vermehrung ganz und gar der Natur überlassen bleibt. »Die Mannigfaltigkeit von Sträuchern ist ungemein groß; die Schönheit derselben übertrifft bei weitem die meisten unserer nordischen Gewächse; sie sind überdies immergrün, und gerade im Winter am Schönsten.«
Er beschreibt die kriechende Eiche, Quercus humilis. Lam, die Korkeiche, Quercus suber, die Kermeseiche,
Quercus coccifera, die vor allem auf trocke­nem und steinigem Boden wächst, und findet sich unvermittelt vor Wachol­derbüschen. Er beschreibt verschiedene Pinienarten, darunter die Schirmkiefer Pinheiro manso, Pinus pinea, mit ihren schmackhaften Pinien­kernen, den Gewöhnlichen Judasbaum, Cercis siliquastrum, die stolze Dattelpalme, Phoenix dactylifera, verschiedene Zypressen, Ölbaum-Plantagen, Orangen-, Zitronen- und Mandelhaine, Ulmen, Pappeln, die auffällig aufragende Agave americana sowie die indianische Feige Cactus opuntia, die blühenden Stämme der Aloe, auf Portugiesisch Pita genannt, den Granatapfelbaum, der mehr seiner schönen Blüten wegen denn für seine Früchte geschätzt werde, den Erdbeerbaum, arbutus unedo, der in Gemeinschaft wachsend, mit verdrehten Stämmen und grotesk ausladenden Ästen eigentümlich märchenhafte Wälder bildet, den Gagelbaum, Myrica faya, Lorbeer und Lorbeerblättriger Schneeball, Viburnum tinus, Feldahorn und Bergahorn, Acer campestre und Acer pseudoplatanus, die Südeiche, Quercus australis, den schönen Johannis­brot­baum, Ceratonia siliqua, Maulbeerbäume, Fichten, die Esskastanie, Castanea sativa, »sogar deutsche Eichen«, wie er schreibt, Quercus robur, eine keinesfalls in Deutschland endemische Art, von den Briten englische Eiche genannt. Er liebt die Portugiesische Zypresse, die er in ihrer offenen, ausdrucksvoll einladenden Art der Libanesischen Zypresse gleichstellt.

Der Eukalyptus war ihm unbekannt und ist ihm nie begegnet.

Heute besteht mehr als ein Viertel der portugiesischen Waldfläche aus Eukalyptus, und zwar fast ausnahmslos einer Spezies, dem Eucalyptus globulus.

Graf Hoffmannsegg kehrte mit seiner Sammlung, seinen Zeichnungen und einer Unzahl unverarbeiteter Eindrücke im August 1800 nach Hamburg zurück, warf sich mit dem gleichen Elan, der ihn auf seiner Reise antrieb, in die Arbeit, das von ihm und Link geplante Werk zusammenzustellen und zu editieren, richtete in Berlin ein eigenes Atelier mit der elaboriertesten Technik seiner Zeit ein, gewann den Porzellanmaler Gottfried Wilhelm Völcker für die Mitarbeit und war oft genug am Rande des Bankrotts.

 

 

II Auf der Suche nach einer verschollenen Expedition

 

Am 28. September 1791, inmitten des Tumults der ausbrechenden Gewalt der Französischen Revolution, die ihrem Idealismus indes noch treu war, verließ der Naturgeschichtler Jacques-Julien Houtou de Labillardiere an Bord der Fregatte Recherche unter Kapitän Bruny d’Entrecasteaux den Hafen von Brest. Labillardiere ist Bürger dieser Ideale. Die Französische Nationalversammlung hatte beschlossen, die Schiffe Recherche und Esperanca auf eine Such-Expedition nach den vermissten Schiffen von Jean Francois de La Pérouse zu schicken, und damit die wohl erste weltumspannende humanitäre Rettungsexpedition in der Geschichte auf den Weg geschickt. Dessen Expeditionen wurden in Frankreich leidenschaftlich verfolgt. La Pérouse war der erste Entdecker, der sich weigerte, die entdeckten Gebiete auto­ma­tisch seinem Land zuzuschlagen und somit unvermeidlich zum Eroberer zu werden, sein Verschwinden war ein Ereignis, das die Nation einte. Er war, James Cook folgend, nach Australien aufgebrochen, wo die Engländer gerade Sydney begrün­deten. Im Februar 1788 schickte er eine Nachricht mit der weiter geplanten Route nach Hause: über Tonga, Neukaledonien und die Salomonen sollte es nach Neuguinea gehen. Doch La Pérouse kam nie dort an. Mannschaft und Schiffe verschwanden spurlos.

Von Anfang an gab es heftige Spannungen zwischen den Offizieren der Rettungs­­expe­dition, in ihrer Mehrheit unbeugsame Royalisten, und der Mann­schaft, heißen Republikanern. Labillardiere, bekannt für seinen erregbaren, Konflikte nicht eben vermeidenden Charakter, zwang die Offiziere, den republi­kanischen Kalender anzuerkennen. Heute wissen wir, dass die La Pérouse-Expedition nahe Vanikoro auf den Salomonen zerschellte. Obwohl d’Entrecasteaux sehr nahe an Vanikoro vorbeisegelte, gelang es ihm nicht, das Schicksal La Pérouse’ aufzuklären und obwohl er selbst auf der Reise starb, machte seine Expedition eine Reihe von bedeutenden geografischen Entdeckungen. Außerdem war seine Expedition von erheblicher Bedeutung in der Geschichte der Geophysik wegen der ersten Messungen der globalen Magnetstärke, die bewiesen, dass die Feldlinien vom Äquator ausgehend nach Norden und Süden gleich stark sind.

Auf der Suche nach Trinkwasser landete die Expedition in einer stillen Bucht an Tasmaniens Küste, die heute als Recherche Bay bekannt ist. Hier war es, wo die müde Crew nicht nur kristallklares Wasser fand und einige der weltweit größten Bäume, sie betraten auch ein den Europäern bislang unbekanntes Paradies. D’Entrecasteaux war begeistert über die hohen Bäume, Fische im Überfluss, Schwärme von Papageien, Schwänen, Enten, Pelikane, Adler, Reb­hühner und Krähen, die ihre Spiele in den Lüften trieben, während sich über dem Feuer der Spieß drehte.

Sowohl Labillardiere als auch Claude Riche und Étienne Pierre Ventenat, assistiert vom Gärtner Félix Delahaye, unternahmen ausgedehnte Streifzüge, um Pflanzen zu sammeln und zu bestimmen. Die Suche nach La Pérouse wurde entlang der Ostküste von Australien fortgesetzt, über die Inseln von Indonesien und entlang der Westküste von Australien, wo d’Entrecasteaux sich wieder durch den Mangel an Wasser gezwungen sah, zu Recherche Bay zurückzukehren. Er ankerte dort zum zweiten Mal am 20.Januar 1793, für einen weiteren fünf­wöchigen Zwischenstopp. Am zweiten Tag ihres Aufenthalts wurde in Paris, auf der anderen Seite der Erde, König Louis XVI. enthauptet. Der Überlieferung gemäß fragte er, bevor er die Stufen zum Schafott erstieg, ob es Nachrichten von LaPérouse gäbe.

An einem Tage, als die Schiffe bereits zum Aufbruch rüsteten, verlor sich der mit Labillardiere befreundete Claude Riche für Tage allein im Südwesten Australiens. Die Expedition war drauf und dran, ihn dort allein zu lassen. Labillardiere zog James Cooks Tagebücher hervor und zeigte, wie lange Cook bereit war, auf Männer, die als verschollen galten, zu warten. Zum Glück für Riche beschämte dies die große Kajüte. Sie warteten, bis er hereinkam. – Es ist eine Energie Und Konzentration unter diesen Botanikern, die außergewöhnlich scheint. Doch nicht nur die Natur­wissenschaftler und Künstler sind der Faszination des Unbekannten erlegen. Kapitän d’Entrecasteaux notiert in sein Bordtagebuch:

». . .  Bäume von einer immensen Höhe und dementsprechendem Durchmesser, deren astfreie Stämme mit immergrünem Laub bedeckt sind, und von denen einige so alt aussehen wie die Welt.«

»Eng ineinander geschlungen in einem fast undurchdringlichen Wald, dienten sie den anderen, die mit dem Alter bröckeln und den Boden mit ihren Trümmern befruchten, zur Stütze.«

»Natur in ihrer ganzen Kraft, und doch in einem Zustand des Verfalls, scheint der Phantasie etwas Malerischeres und Imposanteres zu bieten, als der Anblick dieser gleichen Art durch die Hand des zivilisierten Menschen geschmückt.«

»Im Wunsch, allein ihre Schönheiten zu erhalten, zerstören wir ihren Charme, wir berauben sie jener Kraft, die allein ihre ist, das Geheimnis, in ewigem Alter ewige Jugend zu bewahren.«

Worte, durchdrungen von rembrandtschem Licht.

Labillardière kehrte von der d’Entrecasteaux-Expedition ins revolutionären Frankreich auf der Höhe des Terrors zurück. Seine Sammlung von 5000 Pflanzen, darunter 100 neue Spezies, Zeichnungen und Tagebüchern war von den Holländern als Kriegsbeute beschlagnahmt und verkauft worden. Sie stand in England unter Aufsicht von Sir Joseph Banks – und wurde unter Mühen abgerufen. Sie gefiel Königin Charlotte. Sie zurückzubekommen, war umständlich und bedurfte diplomatischer Ranküne.

Wenngleich kein Liebling der Revolution, war Labillardiere zumindest ver­trauens­würdig. Napoleon, nun Bonaparte, wird, nach seinem brandigen Sieg gegen die Auf­stän­dischen in der Vendée, nun Italien plündern. Er braucht jemanden, der all seine Beute zurück nach Frankreich bringt. Labillardiere wurde als Kommissar geschickt. Sein Kunstverstand und Expertenwissen fanden barbarische Verwendung: Aus der Mailänder Biblioteca Ambrosiana ließ er Manuskripte von Leonardo da Vinci, Petrarca und Galileo abtransportieren; und Gemälde von Künstlern wie Michelangelo, Correggio, Rubens, Raffael und Giorgione. Ganze Bibliotheken. Und, natürlich, botanische und wissenschaftliche Sammlungen aller Art. Die freudige Unschuld der Entdeckungen hat ihre Halbwertszeiten. Doch immer noch und vor allem blieb er Naturforscher und trieb die Veröffentlichung seines Lebenswerks voran. Die wertvollsten Beiträge der Expedition auf diesem Gebiet waren von Labillardiere gemacht worden. Seine Relation du voyage à la recherche de LaPérouse – eines der klassischen Werke der französischen Reiseliteratur – vom Drucker und Buchhändler H.-J. Jansen veröffentlicht, wurde nicht nur von einem Atlas, den beeindruckenden Gravuren nach Zeichnungen von Jean Piron begleitet, sondern auch von Pflanzenbildern des großen Pierre-Joseph Redouté und Vogel­bildern von Jean-Baptiste Audebert. Labillardieres Relation erwies sich als ein internationaler Bestseller. Es gab mehrere französische Editionen und 1817 wurde der Atlas nachgedruckt. Vier englische Ausgaben erschienen bald nacheinander zwischen 1800 und 1802, und die deutschen Ausgaben wurden in Hamburg (1801) und Wien (1804) veröffentlicht. Durch seine Urheberschaft der Relation du voyage à la recherche de La Pérouse half Labillardiere, den südlichen Kontinent in der europäischen Fantasie zu etablieren.

Labillardiere sollte auch erarbeiten, was in praktischer Hinsicht die erste veröffentlichte Flora von Australien war: die herrliche zweibändige Novae Hollandiae plantarum specimen (1804–06) mit 265 Kupferstichen. Labillardiere gebührt die Ehre, die floralen Embleme Tasmaniens (Eucalyptus globulus) und Victorias (Epacris impressa) Namen gegeben zu haben, sowie der Gattung Anigozanthus, das zum Blumenemblem von Westaustralien gehört. Schwerlich allerdings konnte er den globalen Siegeszug von Eucalyptus globulus vorhersehen.

Jean-François de La Pérouse, 1741 - 1788

 

 



 

III Erste Anwendungen des Eukalyptus in Portugal —
     Affirmation seiner später verleugneten Eigenschaften

 

Der Fieberbaum. Der Name »Fieberbaum« stammt von der Verwendung der Spezies Eucalyptus globulus zur Trockenlegung der von der Anopheles-Larve bewohnten Sümpfe. Viele Sumpfgebiete im nördlichen Australien sowie im Mittelmeerraum wurden mit Eukalyptus, der durch sein rasches Wachstum einen hohen Wasserbedarf hat, aufgeforstet und dadurch trockengelegt. Dies entzog der Anopheles-Mücke, die als Malariaüberträgerin bekämpft wird, die Lebensgrundlage.

1866 beginnt in Coimbra die Pflanzung von 35.000 Eukalyptusbäumen als Abwehr­­maß­nahme gegen die Bodenerosion entlang der Ufer des Mondego-Flusswaldes und in der Mata de Choupal, einem Pappelwald. Es wird bis 1870 dauern, daß bewirtschaf­tete Eukalyptus-Gehölze in Portugal etabliert sind. Der Mondego überflutet regelmäßig seine Ufer und das Umland versumpft zunehmend, wie schon Link bemerkte. Als erste Maßnahme waren schnellwüchsige Pappeln und Weiden gepflanzt worden, die am Ende ihres natürlichen Lebenszyklus durch die mittlerweile bekannten Eukalypten ersetzt wurden.

1880 werden bei Abrantes, im Zentrum Portugals, sechshundert Hektar mit Eucalyptus in einem »Nova Australia« benannten Fläche gepflanzt. Der bis dahin größte Eukalyptus-Forst in Europa etabliert sich.

Es ist kein Zufall, daß jenes Gebiet 2017 Schauplatz der bis anhin tödlichsten Brandkatastrophe in Portugal war. Siehe die nebenstehende sehr gute Dokumentation des Senders Arte, die folgendermaßen beginnt: "Es braut sich was zusammen, in der Region um Abrantes".

 

 

IV Ein portugiesischer Europäer sucht nach einer schnellen Lösung für ein altes Problem

 

Jaime de Magalhães Lima, ein junger Mann von 28 Jahren aus gutem Hause mit abgeschlossenem Jura-Studium und guten Aussichten, verließ im Jahr 1888 seine Heimatstadt Aveiro und ging auf Reisen. Groß, schlank, bärtig und energischen Schritts war er eine imposante Erscheinung, die etwas Nordisch-Ernstes ausstrahlte. Den jungen Mann plagte Weltschmerz, im Gewand einer Glaubenskrise, und nichts ist in einer solchen Situation heilversprechender als eine Reise. Jaime kam durch Spanien, Frankreich, die Schweiz und Deutschland. Aus seinem ein Jahr später veröffentlichten Buch Cidades e Paizagens, Städte und Landschaften, können wir den Spuren seiner geistigen und moralischen Auseinandersetzung mit der vorgefundenen Wirklichkeit draußen, in Europa, folgen. Seine Sichtweise hat etwas Ethnografisches, ohne jede Attitüde. Er ist europäisch gebildet, aber er kommt vom Westrand, er sieht fremd. Das umtriebige, geschäftige und laute Paris mit seinen Kutschen, Karrenschiebern, Cafés, Künstlern und Huren, in seinem ganzen mondän und profan stinkenden Prunk, weckt seine Sinne und beschleunigt den energischen Schritt. Die Gabe, sich im Gewühl zu verlieren, fehlt ihm, er behält den Überblick, doch dafür entwickelt er einen Sinn für die Dimensionen der Zeit. Berlin stößt ihn ab, der wilhelminische Despotismus widerstrebt seinem südländisch männlichen Stolz. »Ich weiß nicht, ob es ein Land gibt, das vom Fetischismus der Pflicht tiefer besessen ist. Eine Handlung wird ausgeführt, weil es Pflicht ist, sie auszuführen, und in der Erfüllung einer Pflicht gibt es kein Zögern – dies ist das erste und verblüffendste Ergebnis, das die Bildung bei jenem strengen deutschen Volk hervorgebracht hat.«

So schreibt Jaime in der Vorbemerkung, die er Mahnwort nennt und die sich stellenweise wie eine subtile Prophezeiung liest:

»In Paris verließen wir einen Markt, den mehr oder weniger alle Städte darstellen, weil dies ihre Essenz ist; ihr Charakter wird davon bestimmt, auf welcher Höhe der Punkte-Skala sie schwingen. Wer von Paris nach Berlin kommt, fällt von einem Extrem ins andere. Dem Stimmengewirr der Straße, dem Durcheinander der Ausschreier bis zur Plackerei der Händler folgt die Gesetztheit der Kontinuität und ein langsames, taubes Schreiten auf Teppichen, durchschnitten von kurzen, schrillen Noten beim Sporenklirren. Berlin ist das Vorzimmer des Kaisers; viel Uniform und große Stille, immer bewaffnet und immer schweigend, fortwährend durchängstigt von Macht und Autorität. Über der Stadt liegt schwer ein eiserner Arm, die Menge ist den Händen eines einzigen Willens übergeben; nur er bewegt sie. Kann man so leben? Ist dies das letzte Wort der Zivilisation oder einfach eine ephemere Herrlichkeit, Ergebnis eines Zusammenfalls der Eignung eines Volkes mit den Bedürfnissen des historischen Augenblicks? Die Französische Revolution initiierte in uns die Erkenntnis der Rechte des Einzelnen, gleichzeitig gab sie den Staaten Verfassungen, die zu Schwachheit und politischer Impotenz führen. Deutschland zeigte uns andere Wege, hin zum entgegengesetzten Pol.«

Über Schweden reiste er nach Russland, wo ihm eine Begegnung mit dem von ihm seit Langem verehrten Dichter und Sozialreformer Leo Tolstoi besonders am Herzen lag. Er besucht ihn in Jasnaia Polyana, dem Landsitz, auf den der Autor von Krieg und Frieden sich zurückgezogen hatte, um sich ganz seinen Reform- und Rettungsprojekten zu widmen.

In einem längeren Gespräch entwickelte Tolstoi seine Ideen eines reformierten Christentums, das sich den sozialen Nöten der Menschen öffnen müsse, sprach über die Rolle der »säkularen Heiligen« als einer neuen, intellektuellen Elite mit sozialer Verantwortung, die sich in ganz Europa und insbesondere in Frankreich rege. Er erklärte sich als Antinationalist, wogegen Jaime argumentierte. Die Existenz von Nationalstaaten widerspreche nicht menschlicher Brüderlichkeit, sondern wäre ihr förderlich. Tolstois radikale Utopie staatsferner Gemeinschaften führe zum Nihilismus. Die Entwicklungsgeschichte sozialer Gemeinschaften erhöhe aller Erfahrung nach ihre Komplexität, was zwingend nach ordnenden, die Gesellschaft durchziehenden und sie zusammenhaltenden Strukturen verlange. Was beide trennte, und Jaime auch später, als er sich Tolstois Schüler nannte, von seinem Lehrer unterschied, war Tolstois konsequent kritischer Geist, der seine Zeit, ihre Institutionen und Gewohnheiten aller beschönigenden Bemäntelungen beraubte und ihre durch Angewöhnung mattierte Oberfläche durchsichtig machte. Darin erreichte er eine Vielseitigkeit, Gründlichkeit und Kühnheit, die an die alten utopischen Sozialisten, an Saint-Simon, Fourier und Owen erinnert. – Hier ein prägnantes Beispiel:

»Herr Zola sagt, dass die Arbeit den Menschen gut mache; ich habe immer das Gegenteil bemerkt: Die Arbeit als solche, der Stolz der Ameise auf ihre Arbeit, macht nicht nur die Ameise, sondern auch die Menschen grausam . . . Aber wenn sogar die Arbeitsamkeit kein erklärtes Laster ist, so kann sie in keinem Falle eine Tugend sein. Die Arbeit kann ebenso wenig eine Tugend sein wie das Sichernähren. Die Arbeit ist ein Bedürfnis, das, wenn es nicht befriedigt wird, ein Leiden und nicht eine Tugend ausmacht. Die Erhebung der Arbeit zu einer Tugend ist ebenso verkehrt wie die Erhebung des Sichernährens des Menschen zu einer Würde oder Tugend. Die Arbeit konnte die Bedeutung, die man ihr in unsrer Gesellschaft zuschreibt, nur als eine Reaktion gegen den Müßiggang gewinnen, den man zum Merkmal des Adels erhoben hat und den man noch als Merkmal der Würde in reichen und wenig gebil­deten Klassen hält . . . Die Arbeit ist nicht bloß keine Tugend, sondern sie ist in unsrer falsch geordneten Gesellschaft zum größten Teil ein das sittliche Empfindungsvermögen ertötendes Mittel.«2

Dagegen suchte Jaime auf politischem Wege Einfluss zu gewinnen und war eher an strukturkonformen Weiterentwicklungen interessiert. Tolstoi, radikal kritisch, glaubte nicht an die Revolution. Jaime, moralisch gebildet, glaubte nicht an soziale Reformen. Er war ein Konservativer mit Pioniergeist, automoralisch, und rechtsgläubig.

Auf der Rückreise besuchte er Algerien und Südspanien. Seine lesenswerten Reisebeschreibungen zeigen einen aufmerksamen und lernbereiten Reisenden, den die großen Muster einer Kultur interessieren.

Zurückgekommen heiratete er entschlossen und begab sich ebenso entschlossen auf den Marsch in die Institutionen, der in Portugal oft genug einer Fahrt mit der Geisterbahn gleicht. Er war Vertreter der monarchischen Partei, Beisitzer der Gerichte von Viana do Castelo und Aveiro, der Führer der Liberalen Regenerierungspartei in Aveiro, ziviler Distrikt-Gouverneur, Bürgermeister von Aveiro, Bürgerbeauftrag-ter des Heiligen Hauses der Barmherzigkeit und beendete sein politisches Leben mit dem Fall des Regimes Franco, das er unterstützt hatte, 1908. Schwer enttäuscht zog er sich auf sein Landgut in Eixo, vier Kilometer von Aveiro entfernt zurück und benannte es nach dem heiligen Franziskus von Avila. Er schrieb und veröffentlichte weiterhin, er blieb ein Vielschreiber. Einer seiner Freunde sagte von ihm, er spreche wie fließendes Wasser. Er folgte seiner sehr persönlichen Utopie und setzte auf seiner Quinta die Kultivierung exotischer Bäume intensiv fort, an deren Potenz als Heilmittel für die entwaldeten Berge seines Landes er seit den Zeiten seiner Reise als junger Mann glaubte. Die Quinta S. Francisco erlangte Berühmtheit mit ihren über achtzig verschiedenen Eukalypten und neun verschiedenen Akazien-Arten, inklusive jener Mimose Acacia dealbata Link,2 die in Portugal (und Spanien) heute eine sich rasant ausbreitende und gleichsam unausrottbare Plage darstellt. 1920 veröffentlichte er sein Buch Eukalyptus und Akazien, in dem er seine Beobachtungen und Erfahrungen weitergab bei starker Betonung des ökonomischen Aspekts.

Eine 2007 erschienene, aufwendig gestaltete Broschüre mit dem Titel »Die Eukalypten und die Vögel der Quinta des heiligen Franziskus« zeigt auf ihrem Titelblatt das Foto eines Buntspechts in Großaufnahme, an die stark gefurchte Rinde eines Baums gekrallt – vermutlich ein Mammutbaum. Es folgen Fotos von alten Akazien im Morgenlicht, dann ein Eukalyptushain jüngeren Datums – und unversehens schwindet die Romantik. Es ist schlicht unmöglich, die triste Realität solcher Pflanzungen zu überspielen, kein Filter, kein Lichteinfall kann da helfen. Herausgegeben wurde die Broschur von Portucel, heute Navigator Company, dem größten Zellulose- und Papierproduzenten Portugals, mitverantwortlich für jene Eukalyptus-Monokulturen, die mittlerweile mehr als ein Viertel des portugiesischen Waldbestandes ausmachen, was den weltweit größten Eukalyptus-Bestand im Verhältnis zur Landesfläche bedeutet.

 

Ist es nun ein ephemerer Zufall, um mit Jaime zu sprechen, oder das Zusammen­treffen einer persönlichen Bereitschaft mit einer historischen Gelegenheit, dass diese Quinta mit dem Namen des Heiligen, der ebenso wie Jaime die Vögel liebte, dass dieser Ort der Kontemplation in die Hände eines Eukalyptus-Zellulose-Konzerns fiel, um ihm als grünes Feigenblatt zu dienen?

 

 

V Der Wald am Meeresgrund

 

Am Strand nehme ich eine Handvoll Sand auf und lasse ihn durch die Finger rieseln. Was mir durch die Finger läuft, ist Zeit. Lava, Felsen, Stein, zu Sand zermahlen. Wenn ich in die Berge gehe, sehe ich Stein. Felswände, Felsen aufeinandergetürmt, Steine. Ein Meer aus Stein, wo einst Wald war.

Wer heute die Iberische Halbinsel bereist, kann sich kaum vorstelle, dass bis ins Mittelalter die Länder Spanien und Portugal ein riesiger Wald waren, zu dreiundachtzig Prozent bedeckt mit Laubbäumen, zu acht Prozent mit Nadelhölzern. Nicht mehr als fünf Prozent waren unbewachsen.

»Ein Eichhörnchen kann durch die Baumwipfel von den Pyrenäen bis nach Gibraltar hüpfen, ohne den Boden zu berühren«, schrieb der griechische Geograf Strabon um die Zeitwende. So grün blieb die Iberische Halbinsel, bis das spanische Königspaar Isabella und Ferdinand den Genuesen Kolumbus zur Entdeckung neuer Welten ausrüstete: Für den Schiffsbau wurde Anfang des 16. Jahrhunderts zum ersten Mal in großem Stil gerodet. Vor den Spaniern begannen die Portugiesen mit der Entdeckung Madeiras, der Azoren und der Nord- und Westküste Afrikas. Der »Entdeckungen« benannte Zeitraum begann 1415 mit der Eroberung von Ceuta. Neben der Erkundung afrikanischer Küstengebiete und ihrer gelegentlichen Eroberung gewann der mediterrane sowie der Seehandel entlang der atlantischen Küste an Bedeutung, der Schiffe und damit Bauholz verlangte.

Die beiden Nachbarländer lieferten sich einen gnadenlosen Wettlauf um neue Kolonien, nachdem Christophorus Kolumbus 1492 nach Indien aufgebrochen war, um in der Tat den Seeweg in Richtung Westen über den Atlantik zu finden. Entdeckungen sind voller Überraschungen. Nur, dass der Entdecker selbst bis ans Ende seines Lebens nichts davon ahnte. Er beabsichtigte, ein Erkundungs-Monopol in der Region aufrechtzuerhalten. Die Portugiesen hingegen wollten Seerouten in den Süden des Atlantiks sichern, da sie die Existenz von Land westlich des Ozeans annahmen. 1493 kehrte Kolumbus auf die Inseln in Mittelamerika zurück, mit einer Flotte, die aus 17 Schiffen bestand. 1200 Bauern, Handwerker, Krieger befanden sich darauf, die mit Vorderlader-Waffen und Bluthunden bewaffnet waren.

Nach mehreren gescheiterten Versuchen einigten sich die beiden Königshäuser im Vertrag von Tordesillas 1494 auf die Aufteilung ihres zukünftigen Macht-Bereichs, der die Welt vom Nordpol zum Südpol auf einem Meridian 370 Meilen (ca. 595 km) westlich des Kapverdischen Archipels teilte. Das Land westlich dieser Demarkationslinie wurde Spanien zugeschlagen und das Land östlich Portugal. Es war der erste Vertrag, der eine globale Reichweite für sich beanspruchte.

Mit der Aufteilung der Welt wurde der Wettlauf intensiviert, die Welt erwies sich als groß, das jeweilige Indien lag dort, wo Schätze: Gold, Silber und Gewürze gefunden wurden. Wo sie nicht gefunden wurde, machte man Sklaven. Kolumbus interessierte sich nicht für die natürlichen Reichtümer und die Kultur der von ihm eroberten Länder. Er war das Muster der ihm folgenden Eroberer. Seine Gier und Grausamkeit waren notorisch, sie ließen ihn geistig erblinden. Es gehört zur Tragik kriegerischer Expeditionen, dass sie auf das Land ihres Ursprungs reflexiv zurückwirken, ohne dass dies im Rausch des Sieges und Gewinns bemerkt wird.

Der portugiesische Biologe Jorge Paiva hat sich in nautischen Archiven auf die Suche begeben und alte Baupläne von Segelschiffen studiert, die in seinem Land über drei Jahrhunderte gebaut worden waren, Karavellen, Naus, Galeonen und Galeeren, sowie berechnet, wie viele es waren. Er kommt zu folgendem, nicht nur mathematischem Ergebnis:

»Die Entdeckungen und die ihnen folgende Expansion hatten enormen Einfluss auf die Verwüstung der Waldformationen in unserem Land. Ursprünglich wurden für den Schiffbau Steineiche und Korkeiche verwendet, da diese Bäume in der Nähe der Werften der Hauptstadt reichlich vorhanden waren. Aufgrund der Nützlichkeit dieser beiden Eichenarten als Lieferanten von essbaren Eicheln und Kork wurde das Fällen dieser beiden kostbaren Baumarten jedoch verboten und durch die Stieleiche ersetzt. Für jedes Schiff wurden zwischen zweitausend und viertausend Eichen benötigt. Andere verwendete Hölzer, jedoch in geringeren Mengen, mit geringer Umweltbelastung, waren Steinkiefer und Seekiefer für Takelage und Gerüst und Kastanien für Möbel. Nur für die »Ceuta-Kampagne« wurden 200-300 Schiffe benötigt und während der Ausweitung der Entdeckungen wurden für Indien 700-800 Schiffe gebaut und für Brasilien etwa 500. Das ergibt für diesen Zeitraum mehr als 5 Millionen Eichen. So wurde ein Großteil des Landes abgeholzt, und ein Großteil unserer wertvollen Eichen verschwand.«

Weltweit verstreut bilden sie einen vermodernden Wald am Meeresgrund. Jorge Paiva fährt fort, die Geschichte des Raubbaus am portugiesischen Wald zu erzählen:

»Später wurden für den Bau des Eisenbahnnetzes die Wälder dort abgeholzt, wo die Pyrenäen-Eiche vorherrschte, deren Holz zur Herstellung von Schwellen verwendet wurde. Darüber hinaus benötigten Dampfmaschinen Brennholz. So wurden die Berge, insbesondere die in der Region zwischen Douro und Tajo, praktisch entwaldet und erodierten, wobei der jeweilige Boden weggespült wurde und die Flüsse verschlammten. Der Mondego zum Beispiel verschlammte so schnell, dass die Nonnen des Klosters Santa-Clara-a-Velha, die sich zu Beginn des 14. Jahrhunderts dort niedergelassen hatten, drei Jahrhunderte später (1677), also auf dem Höhepunkt der Expansion wegen der Verschlammung des Mondego-Flusses ihr Kloster aufgeben mussten. Derzeit befinden sich am Grund des Flusses vor Coimbra (knapp 50 km von der Flussmündung entfernt) 30-40 Meter Sand.

Nachdem die Berge entwaldet waren, begann die Landbevölkerung von Weidewirtschaft zu leben. Ihre intensive Beweidung hatte ebenfalls großen Einfluss auf die Zerstörung der portugiesischen Flora, indem im Mittelalter nationale, aber auch spanische Rinder verwendet wurden. Die Transhumanz, der Auftrieb der Herden von den Ebenen auf die Berge im Sommer und umgekehrt im Winter, nahm erst im 20. Jahrhundert stark ab. Herden aus Regionen, die unsere Berge umgaben, schlossen sich in den Bergen an und gruppierten die Tiere in Herden von 1.000 bis 3.000 oder mehr Rindern in der Obhut von Berghirten. Die Anzahl der Tiere, 50.000 bis zu 60.000, die landesweit und grenzüberschreitend in den Bergen weideten, war so hoch, dass dort die floristischen Ökosysteme irreversibel gestört wurden, was zur Erosion des Bodens beitrug. Brände und Verbrennungspraktiken in landwirtschaftlichen Regionen und auch in Weidegebieten waren ein weiterer Faktor, der zur Wüstenbildung unserer Berge beigetragen hat und weiterhin beiträgt.

Die Zerstörung war derart, dass die portugiesischen Waldökosysteme, von denen wir noch einige sehr degradierte Relikte haben, durch gemischte natürliche Formationen aus Heidekraut, Besenginster, Dreizahniger Ginster und Stechginster ersetzt wurden, die allgemein unter dem Gattungsnamen Busch bekannt sind.«

An dieser Stelle füge ich einen Abschnitt aus Heinrich Friedrich Links Reisebeschreibung ein, dieses langsam reisenden und aufmerksam beobachtenden Naturforschers, der die weitreichende Entwaldung Spaniens zweihundert Jahre nach Beginn der Entdeckungen dokumentiert.

»Durch die öden Fluren von Alt-Kastilien kann vielleicht niemand mit Vergnügen reisen, der nicht Pflanzen kennt. Die Botanik macht die Reisen vorzüglich angenehm und unterhaltend. Der Mensch ändert sich in kleinen Entfernungen nicht sehr. Werke der Kunst findet man nur sparsam und einzeln; Pflanzen hingegen blühen fast immer am Wege, besonders in diesen Klimaten, ihre Mannichfaltigkeit ist ungemein groß, sie sind in den kleinsten Entfernungen oft verschieden, und bezeichnen Abwechslung, die man sonst nicht gewahr wird. Eine vorher nie wild gefundene Pflanze macht einem Botaniker außerordentliche Freude; der Anblick schon gefundener Pflanzen bringt eine Menge Vergleichungen und Erinnerungen hervor; wir leben durch sie in der Gegenwart und im Vergangenen. . . Ein äußerst wohlriechender Thymian (Thymus Mastichina) ist von nun an der angenehme Begleiter durch ganz Spanien.«

Etwas später heißt es: »Von der Südseite ist der Anblick dieses Gebirges sehr auffallend; es besteht ganz aus zerrissenen zusammengehäuften Granitfelsen, die hier und da immergrüne Eichen tragen.« Es handelt sich um Steineichen oder Korkeichen, die, wie wir von Jorge Paiva wissen, zum Schiffsbau verwendet wurden. Einige blieben als verwaiste Zeugen einer vormaligen Waldgemeinschaft stehen. Ähnliche Beobachtungen macht er in der Gegend um Madrid.

Durch Portugal reisend schreibt Link unter anderem: »Bragança (Distrikthauptstadt im Norden Portugals) liegt in einer äußerst kahlen, baumleeren Gegend.« Die Serra do Alvão, auch heute kahl und ohne Baumbestand, beschreibt er folgendermaßen: »Wild aufeinander getürmte Felsen, in einer zerrütteten, den Einsturz drohenden Lage, bedecken ihren Gipfel. Man kann nicht anders vermuten, als daß ein Erdbeben die Ursache dieser Verwüstung ist.« Es handelt sich hier um eine Allegorie, Erdbeben fanden in der Azoren-Gibraltar-Bruchzone statt, sie bewirkten lediglich im Süden Portugals Verwüstungen. Das war Link, der sich längere Zeit in Lissabon aufgehalten hatte, mit Sicherheit bekannt. Über die Gegend um Mogadouro sagt er: »Die ganze Gegend besteht aus einer großen Einförmigkeit aus Feldern und Felsen.« Nach einigen erfreuten Beschreibungen von Eichenwäldern und Kastanienhainen, die seinem deutschen Gemüt wohlgetan haben müssen, beschreibt er die Serra de Montezinho folgendermaßen: »Die Provinz hat einen eigentümlichen Charakter: die Felsenhaufen auf den Ebenen oder auf den Gipfel verflachter Hügel und Berge. Verbindet man hiermit den Umstand, daß sie größtenteils kahl ist, kann man sie im Ganzen nicht schön nennen. Nur der nördliche hohe Rand hat zum Teil etwas vom Minho, schattige Eichen- oder auch Birkenwälder, zum Teil bekommt es das Ansehen vom gemäßigten Europa durch seine großen Wiesen.«

Bemerkenswert ist, dass er hier über den regenreichen Norden Portugals berichtet.

Im Jahr 1565, unter der Regentschaft Königs Sebastian I. wurde ein Gesetz erlassen, später als Baumgesetz bekannt, das für allen Munizipien das Pflanzen von Bäumen anwies. Es nimmt eine Avantgarde-Position ein, indem eine Politik der Wiederauf­forstung in Baldios (Allmenden) sowie privatem Landbesitz in allen Gemeinden gefördert wird. »Dass Bäume für Holz gepflanzt werden, alle Baumarten, die tauglich sind«, doch wurden Kiefer, Kastanie und Eiche namentlich genannt. Gleichzeitig war dieses Gesetz so allgemein gehalten, ohne begleitendes technisches oder fiskalisches Instrumentarium, das seine praktische Unwirksamkeit geradezu garantiert war. Unter den drei benannten Arten ist die Kiefer die am schnellsten wachsende, sie ist einfach zu pflanzen und zu säen, sie wächst auch auf kargen, halb erodierten Böden, und so ist diese Periode gekennzeichnet durch den Beginn der Ausbreitung von Kiefern, pinus pinaster in den portugiesischen Bergen und später im gesamten Land. Wie auch immer, Waldnutzung ohne geordnete Waldbewirtschaftung ist ein Widerspruch in sich. Am Ende des XIX. Jahrhunderts war die Waldfläche Portugals auf etwas mehr als 640.000 ha zusammengeschmolzen, was etwas mehr als der heutige Waldfläche Thüringens und 7% der portugiesischen Landfläche entspricht.

 

 

VI Der virtuelle Wald und die Schaffung neuer Institutionen

 

Die wichtigste Tatsache, auf die am Ende des alten Regimes hingewiesen werden muss, ist die Ernennung von José Bonifácio de Andrada e Silva zum General Intendant der Minen und Metalle des Königreichs im Jahr 1808, der für alle mit den Distrikten verbundenen Münzstätten, Minen und Wälder zuständig ist, mit Gerichtsbarkeit über alle Münzstätten, Minen und Wälder in allen portugiesischen Gebieten, eine Position, die er bis zu seiner Rückkehr nach Brasilien im Jahr 1819 innehatte.

Im Rahmen seiner Zuständigkeit ragen die Initiativen zur Wiederherstellung des Auwalds im Wassereinzugsgebiet des Flusses Zêzere sowie zur systematischen Stabilisierung und Schutzes beweglicher Dünen und die Aufforstung der ihren nachgelagerten Zonen hervor. Die von ihm entwickelten Methoden zum Dünen­schutz, Aussaat und Pflanzung ausgewählter Dünenpflanzen und -Gräser, der gestaffelte Bau von Palisaden und das Anpflanzen von windbrechenden Büschen und Bäumen werden noch heute angewandt.

Mit einem zehnjährigen königlichem Stipendium ausgestattet, hatte er als junger Mann das Privileg Europa zu bereisen, an der ältesten Schule für Bergbau der Welt, der Bergakademie Freiberg zu studieren, Alexander von Humboldt kennenzulernen, der dort ebenfalls studierte und mit einem Diplom in mineralogischer Chemie und Geognosie abzuschließen.

In seinen Memoiren Über die Notwendigkeit und den Nutzen des Pflanzens neuer Wälder in Portugal von 1815 legt José Bonifácio die Grundlagen für die neue Forstpolitik des Liberalismus und identifiziert unter anderem das Fehlen einer technisch fähigen und disziplinierten Forstverwaltung als Hemmnis der zu erfüllenden Ziele.

Er gilt heutigen Biologen als erster portugiesischen Ökologe, der die Theorie der »Ökonomie der Natur« entwickelte, die jedem Element der natürlichen Welt eine relevante Rolle in der kollektiven Dynamik zuweist, das heißt eines Systems in dynamischem Gleichgewicht, das wir heute als Ökosystem kennen.

Nach José Bonifácios Ausscheiden aus dem königlichen Dienst wurde Friedrich Ludwig Wilhelm Varnhagen, naturalisierter Deutscher, sein von ihm selbst empfohlener Nachfolger in Sachen Wiederaufforstung und als Generalverwalter der Wälder des Königreichs Portugal berufen. Er war ein bemerkenswerter Forstingenieur, der 1836 Die praktische Anleitung zur Aussaat, zum Anbau und zum Schneiden von Kiefern und deren Konservierung; unter Angabe der am besten geeigneten Methoden für das Klima Portugals schrieb, eine Arbeit, mit der er das Konzept des kontrollierten Feuers als Methode zur Vorbeugung von Waldbränden einführt. Er starb 1842 in Marinha Grande bei Leiria, auf seinem Posten als Forstingenieur.

Bis 1878 war zwar noch kein Konsens über die verschiedenen Bereiche der Land­nutzung erzielt worden, nämlich den Raum, der zum Wald gehörte beziehungsweise, den er einnehmen sollte, aber die Identifizierung und Kenntnis der Essenzen, aus denen er bestand, war bereits sehr vollständig. Dazu hatten die deutschen beziehungsweise in Deutschland ausgebildeten Waldingenieure beigetragen. Zu Beginn des neunzehnten Jahrhunderts war es an der Zeit, die sozialen und politischen Dimension zu bedenken, die den Staat, den Wald und die Besitzrechte betreffen. Zwei noch heute unbestreitbar wirksame Tatsachen kommen zur Geltung. Einerseits die Tatsache, dass ein großer Teil des Wald­gebiets Privatbesitz ist, und nur ein kleiner Teil im Besitz des Staates. Auf der anderen Seite die Tatsache, dass es nicht kultivierte Gebiete von einiger Größe gab und immer noch gibt, die genutzt werden könnten, einige für landwirtschaftliche Zwecke, andere für den Wald, wie die Berggipfel und den Sand. In den Dünen und in den bewaldeten Bergen, die als »virtueller Wald« gekennzeichnet sind, überkreuzen sich die physischen, sozialen und politischen Dimensionen des Waldes: Der Staat sollte die Aufforstungs­aufgabe übernehmen, er hat die notwendige institutionelle Struktur für die neuen Funktionen in Bezug auf den Wald zu schaffen und das notwendige technische Personal zu schulen, um die Aufgabe auszuführen. Auf diese Weise entstanden der Forstdienst sowie die Ausbildungseinrichtungen für Förster und Forstingenieure. Schließlich war die Aufforstung der Berge auch mit dem Thema Baldios (Allmenden) verknüpft, wo Konflikte mit der Bevölkerung aufgrund ihrer bekannten sozialen und wirtschaftlichen Funktion hitziger werden könnten. In diesem Zusammenhang würde das Forstregime zu Beginn des 20. Jahrhunderts dem Staat erlauben, unterschiedliche Grade der Kontrolle über den Wald und das Waldgebiet auszuüben.

Das damals verabschiedete Gesetzgebungspaket für die Forstwirtschaft ging aus den Fortschritten in der Forstwissenschaft hervor, die die erste Generation portugiesischer Absolventen der Akademien und Ingenieurschulen nicht nur hinsichtlich des Einflusses des Waldes auf den Bodenschutz und das Klima machten. Dazu gehörte die Regularisierung des Wasserhaushalts der Oberflächenwasserkörper, aber auch neue technische Waldbaukonzepte wie zweiphasiger Waldbau (Pinie-Eiche) oder die landschaftlich angepasste Kombination zweier sich symbiotisch unterstützender Baumarten wie Birke und Douglasie. Die Ausweitung der Aufforstung wird zu einer Priorität in öffentlichem und gemeinschaftlichem Eigentum, zum ersten Mal wird ein »Waldregime« geschaffen und kartografisch definiert, werden staatliche Baumschulen geschaffen und mit ihnen die Verteilung von Setzlingen verstärkt sowie privater Waldbesitzes unterstützt.

Die Struktur der öffentlichen Forstverwaltung hat sich im Laufe des 20. Jahrhunderts im Zuge der Weiterentwicklung der forstpolitischen Ziele mehrfach gewandelt, dennoch ist festzuhalten, dass sie effektiv und mit einigem Weitblick ausgestattet arbeitete. Noch heute kann man ihre erfolgreich angewandten Konzepte in den von Waldbränden verschonten Gebieten studieren. Mit ihrem sukzessiven Abbau seit den neunziger Jahren des zwanzigsten Jahrhunderts und ihrer schließlichen Auflösung im Jahre 2006 verlor Portugals Wald kompetente Förster und Forstarbeiter, die in oder nahe ihm lebten und arbeiteten und ihn kontrollierten, sowie jene Dienstleister, die Waldwege und Wasserläufe pflegten.

 

 

VI Die Invasion des Eukalyptus in Portugal

 

In Eukalyptusplantagen leben keine Vögel, sie finden kein Futter und wenn sie eine solche Pflanzung überqueren, ziehen sie es vor, die Landstraßen entlang zu fliegen. Eine Ausnahme bilden Bussarde, die in den hohen Baumkronen der Eukalyptusbäume horsten. Die herabgefallenen trockenen Blätter, Rindenstreifen und Aststücke verrotten langsam wegen ihres giftigen Alkaloid-Gehaltes und Ausdünstungen ätherischer Öle, sie werden vor allem von Pilzen zersetzt. In einer Studie der Universität Eduardo Mondlane unter Leitung von Dr. Michael F. Schneider heißt es: »Eine qualitative Studie in der Eucalyptus-Plantage Zitundo, Distrikt Matutuíne, Provinz Maputo, Mosambik, zeigte große Mengen von vorgefundenem Laub auf dem Boden der Plantage. Die Vielfalt der Pflanzen im Unterwuchs ist gering. Der 0-Horizont3 ist nur von ganzen Blättern, ohne Anzeichen von Zersetzung komponiert, eine Humus-Schicht ist nicht existent. Das kumulierte trockene Material trägt zu einer höheren Wahrschein­lichkeit von Waldbränden bei. Die negativen Auswirkungen der Brände liegen reichlich auf der Hand und die Basen der Baumstämme sind bereits stark beschädigt sowie große Bereiche der Rinde und des Kambiums zerstört. Das exponierte Holz ist rissig und zeigt Anzeichen von Infektionen mit dem Bläuepilz Ophiostoma minus.« – Wer ein Eukalyptus- Gehölz in Portugal einmal betreten hat, weiß das. Der Boden ist hart und trocken, bei Regen schlammig, der Boden voll trockener Blätter, eine Humusschicht ist nicht existent. Rindenstreifen hängen in langen Fetzen kreuz und quer von den Stämmen, ihre Rinde platzt infolge der Fähigkeit des Eukalyptus, Wasser in großen Mengen zu speichern und wegen des schnellen Baumwachstums regelmäßig ab. Seine starken Wurzeln sind weitreichend und fähig, auch weit entfernte Wasserquellen anzuzapfen.

Zellulose-Rohstoffplantagen bieten keiner europäischen Tierart Lebensraum, sie fallen alle acht bis zwölf Jahre unter Kahlschlag, ihre Stümpfe sprießen mit erhöhtem Ausschlag nach und werden schließlich, wenn der Boden vollkommen ausgelaugt ist, komplett neu aufgesetzt. Dies ist kein Lebenszyklus, welcher Gemeinschaftsbildung mit anderen Spezies ermöglicht, Sterben und Neugeburt voraussetzt, sondern stetig wiederholte Materialumwälzung, die mit ungeheurem technischem und energetischem Aufwand verbunden, sich amöbenhaft fortfrisst. »Der Eukalyptus ist ein Feind aller anderen Lebensformen«, sagte Dr. Thomas E. Lovejoy, seinerzeit Direktor des WWF Naturschutzprogramms. Und der portugiesische Landwirt Antero Gonçalves fasst seine persönlichen Erfahrungen mit der Anpflanzung von Eukalyptus in seinem 1987 erschienenen Buch mit dem sprechenden Titel »Eukalyptus oder Mensch« zusammen: »Es lohnt sich nicht zu wiederholen, was Eukalyptus ist: er ist gegen die Lebewesen, ist gegen die Erde, gegen das Wasser, ist gegen alles. Es ist schwer zu verstehen, wie die Landbevölkerung das ruhig und friedlich akzeptiert und ihre besten Äcker mit dem höllischen Globulus verdirbt, der sie in eine Wüste zu verwandeln droht.«

Es sollte zwei Jahre dauern, bis die Revolte der Landbevölkerung ausbrach, dann allerdings heftig. In einem Artikel der Zeitschrift Expresso vom 24. März 1989 heißt es: »Wie ein Feuer im Hochsommer breiten sich im Landesinnern die Proteste der Bevölkerung aus, die vom Vordringen des Eukalyptus bedroht ist. Alarmglocken läuten in den Dörfern, Frauen vor allem und auch Alte greifen nach Sicheln, Hacken und sogar Besen gegen Gewehrkolben und Schlagstöcke der berittenen Nationalgarde, um zornig die kürzlich gepflanzten Eukalyptus auszureißen, die ihr Land verzehren.«

Der ganze Norden Portugals war in Aufruhr, von Valpaço im nördlichsten Zipfel bis Foz Coa, Land der Mandelbäume und des besten Olivenöls nahe der spanischen Grenze im Osten. Die Eukalyptus-Pflanzungen waren legalisiert. Angelockt von EU-Subventionen, die umgerechnet 500 Euro pro Hektar ausmachten, um Weingärten, Obstplantagen, Korkeichenwälder und Olivenhaine abzuholzen, profitierten besonders Ärzte, Politiker, Diplomaten und Emigranten von zuvor billig erworbenem Land. Sie ließen es roden, erhielten die Subventionen und verkauften es danach mit Gewinn an Portucel. Erstaunt es, dass ein alter Bekannter, José Manuel Durão Barroso, Präsident der Europäischen Kommission, damals Innenminister, involviert war? Ein Herr Fernando Mota, Verwalter der Firma Emprosil mit Sitz im südlichen Alentejo, spezialisiert auf Waldbau, behauptete, »ihnen (den Landwirten) lediglich etwas Reichtum anstelle ihrer glückseligen Armut bringen« zu wollen und beschuldigte die Gegner der Eukalyptuspflanzungen, sie kämen von außerhalb, hätten lediglich politische Interessen und mit Waldwirtschaft nichts zu tun. Es handelt sich um ein Schema, das in der gesamten EWG angewandt wurde, um traditionelle, lokal verankerte Landwirtschaft in wenigen Zentren zu industrialisieren, wobei im Nebeneffekt Besitz- und Reichtum auf lokaler Ebene umverteilt wurden. Der Aufstand der Frauen vom Lande im Jahr 1989 hatte jedoch Erfolg. Ökologen und Grüne trugen ihre Forderungen ins Parlament und zumindest im fruchtbaren Norden wurde der großflächige Eukalyptus-Anbau gestoppt.

Erinnern wir uns an die Feststellung Heinrich Friedrich Links aus dem Jahr 1789, dass portugiesisches Olivenöl feiner und schmackhafter sei als spanisches. Das ist noch heute so. Doch hat es nie einen ernsthaften Versuch gegeben, diesen Qualitätsvorteil am europäischen Markt umzusetzen, weshalb die portugiesischen Olivenhaine als unwirtschaftlich abqualifiziert und zur Abholzung freigegeben werden konnten. Heute, wo Qualität und Geschmacksvielfalt gefragt sind, wäre es endlich an der Zeit, Kraftanstrengungen in diese Richtung zu unternehmen.

Ist ein größerer kultureller Gegensatz zwischen dem Herstellen von Eukalyptusplantagen und dem Pflanzen von Olivenbäumen denkbar, bei denen man bis zur ersten Ernte in der Regel sieben Jahre warten muss? Die Oliven können mit langen Stöcken heruntergeschlagen werden, wie Link das gesehen hat, doch ich habe auch gesehen, wie sie geduldig einzeln abgepflückt wurden, Baum für Baum.

 

Die Geschichte der flagranten industriellen Bulimie in riesigen und wie unaufhaltsam wachsenden Naturräumen begann in den portugiesischen Kolonien Angola und Mozambique in den Fünfzigerjahren

Portugal, das erste globale Kolonialreich der Geschichte, bahnte den Weg zur Kolonisierung seiner Kolonien mit Eukalyptus zu kommerziellen und industriellen Zwecken 1949/50, nach vielversprechenden Versuchspflanzungen unter der Führung der Benguela-Eisenbahn-Gesellschaft.

Im großen Maßstab wurden vor allem die extrem schnell wachsenden Eukalyptus saligana (grandis) in Hochebenen und camaldulensis in Feuchtgebieten gepflanzt. Sie dienten der Beheizung der Lokomotiven und wurden für Telegrafenmasten und Bahnschwellen verwendet. Bis dahin waren die Lokomotiven mit Brennholz aus lokalen Wäldern beheizt worden. Der sich unmittelbar einstellende Erfolg führte dazu, dass die Bahngesellschaft niemals mehr mit den Pflanzungen aufhörte, sie erstreckten sich schließlich in breiten Bändern über die Provinzen Huambo, Bié und Moxico, etwa 1150 Kilometer entlang der gesamten Bahnlinie bis zum Ort Cubal an der Grenze zur Republik Kongo, mit einer Gesamtfläche von etwa 40000 Hektar.

Vom Beginn der 50er-Jahre an begann ebenfalls die Zellstoff-Firma Companhia de Celulose do Ultramar Português mit ihren ersten Pflanzungen von Eukalyptus saligana (grandis) im Waldgebiet von Alto Catumbela in der Provinz Benguala, dem Ort, wo 1958/59 die Fabrik nebst zugehörigem Wohnviertel erbaut wurde. In der Zellulosefabrik Alto Catumbela arbeiteten etwa 300 Arbeiter und Angestellte. Die Forstverwaltung beschäftigte bis zu 1000 Menschen, 90 Prozent davon waren Afrikaner, die in den umliegenden Bergdörfern für anfallende Saisonarbeiten rekrutiert wurden. Ihnen wurde je eine Decke ausgehändigt und ihre tägliche Ration bestand aus einem Napf mit Fuba (Maisbrei), Salz und einer Büchse Mandioka. Sie wurden von weißen Cipaios beaufsichtigt.

So sah die Umsetzung der politisch-ideologischen Vorgaben aus dem Mutterland aus. »Sie müssen von Europäern geführt werden, aber als Hilfskräfte sind sie unentbehrlich. Die Schwarzen sind als Produktivkräfte anzusehen, die in einer von Weißen geführten Wirtschaft eingesetzt werden«, lehrte 1952 der spätere Salazar-Nachfolger Marcelo Caetano seine Studenten in Coimbra. Ein »Eingeborenen-Gesetz« stufte alle Afrikaner, die kein Portugiesisch sprechen konnten, als Untermenschen ein: Sie besaßen keinerlei Bürgerrechte, durften gewisse Stadtviertel nach Dunkelheit nicht betreten und mussten Arbeitsdienst leisten. Diese Kolonialherren-Mentalität enthüllt ihren doppelten Sinn, wenn man weiß, dass Angola ebenso wie Cabo Verde und Guinea-Bissau als Exil für Straftäter aller Art, den sogenannten »degredados« diente. Versuche, unbescholtene Bürger zur Auswanderung nach Angola zu bewegen, um Landwirtschaft und Manufaktur anzukurbeln sowie die Kolonie besser zu verwalten, schlugen wegen ihres schlechten Rufs fehl. Ebenso scheiterten wiederholte Versuche, die »degredados« zu verhaften, sie hatten mittlerweile die wichtigsten gesellschaftlichen Positionen in Armee, Polizei und Handel, besonders dem Sklavenhandel, besetzt. Sklavenhandel war für sie attraktiver als Landarbeit, Viehzucht oder jede andere produktive Erwerbstätigkeit. Die Zwangsarbeit für Eingeborene wurde in Angola erst 1961 abgeschafft, nachdem bei der blutigen Niederschlagung von Revolten auf Kaffeeplantagen 50.000 Menschen ums Leben kamen.

Die Umlaufzeit zwischen Pflanzung und Kahlschlag des Eukalyptus betrug anfangs elf Jahre, sie verringerte sich nach und nach auf vier, was die Kosten senkte und die Ausbeute drastisch erhöhte. In Mozambique betrug die Gesamtfläche des Eukalyptus (E.saligna) im Jahr 1975 etwa 10.000 Hektar, der größte Teil davon im Limpopo-Becken, ein anderes bedeutendes Gebiet war Chimoio. Am Ende der Forst- Kampagne von 1974/75 hatten sich die Pflanzungen der CCUP in Angola auf 100.000 Hektar ausgeweitet, womit sie zu jenem Zeitpunkt Besitzer der größten Eukalyptus-Anbaufläche weltweit war. Diese Fläche wurde als notwendig zur Belieferung eines geplanten Fabrikneubaus in Alto Catumbela erachtet. Die Unterzeichnung des Vertrags, der den Bau der neuen Zellulosefabrik besiegeln sollte, war für den Nachmittag des 25. April 1974 in Lissabon vorgesehen, allerdings hatte dieser Tag schon eine andere historische Verabredung.

 

Die Kolonisierung des Mutterlandes mit Eukalyptus begann eher unbemerkt Mitte der Sechzigerjahre. Im Jahr 1964 begann die Firma Socel – Sociedade Industrial de Celulose – in Setúbal mit der Herstellung von gebleichtem Eukalyptus-Zellstoff, einem Verfahren, das in Alto Catumbela, Angola, bereits seit 1958 angewandt wurde. Zum Vergleichsjahr 1927 erhöhte sich die mit Eukalyptus (einschließlich Akazien) bepflanzte Fläche von 8000 Hektar auf 150000 Hektar im Jahr 1962. Danach steigerte sich die Eukalyptus-Kolonisierung von den Siebzigern an exponentiell, erreichte Anfang der Achtzigerjahre mehr als 250000 Hektar, 450000 Hektar 1990, um 647000 Hektar im Jahr 2005 zu erreichen. Nach den heftigen Protesten der Jahre 1987 bis 89 erließ die portugiesische Regierung ein Gesetz, das die Eukalyptus-Anpflanzung regulierte. In den Niederungen ideologischer Selbstakklamation der Webseite von Soporcel liest sich das so: »Seit 1988 durch eine strenge Gesetzgebung geregelt, sind Eukalyptus-Plantagen für die industrielle Nutzung derzeit durch nachhaltige Forstwirtschaft unterstützt, die für den Schutz der Umwelt und die kulturellen Werte sorgt.«

Zuvor war die Kiefer der hauptsächliche Rohstofflieferant der Papierindustrie, in seiner autochthonen Form pinheiro bravo und der europäischen Kiefer Pinus sylvestris.

Parallel zur massenhaften und forcierten Ausbreitung von Kiefer und Eukalyptus schwellen seit nunmehr vier Jahrzehnten die unkontrollierbaren Waldfeuer an. Die Kiefer ruft mit ihrem Harz das Feuer, ihre Samen breiten sich bei Bränden wie Geschosse aus, während ihre Stämme explodieren. Eukalypten enthalten brennbare ätherische Öle und trockene, unverwesliche Blätter und Rindenreste liegen ihnen zu Füßen. Ein Feuer, das von einem trockenen Wiesenstück her relativ langsam eine Eukalyptusplantage erreicht, schießt dort sofort in die Höhe, schlägt in langen Feuerzungen fauchend von Gipfel zu Gipfel, während die Stämme lange knisternd nachbrennen.

Der erneute Angriff auf den portugiesischen Boden begann in diesem Frühjahr mit der Ankündigung der Portucel-Gruppe, eine neue Fabrik errichten zu wollen. Das war am 15.Mai 2012. Gleichzeitig wurde eine Garantie für die Produktion des Rohstoffes verlangt, verpackt in das Angebot, Arbeitsplätze zu schaffen. Das liest sich dann so: »1.5000 Arbeitsplätze hängen von 40.000 Hektar Eukalyptus ab«

(i-online).Weitere Begründung: Das Unternehmen verfüge über drei Produktionsstätten im Land, importiere jedoch mehr als die Hälfte der benötigten Rohstoffes mit einer Qualität unterhalb der nationalen und zum doppelten Preis. Um sich selbst zu versorgen, würde das Unternehmen derzeit etwa 40 Tausend Hektar Eukalyptus zusätzlich brauchen. Um eine neue Fabrik zu versorgen, müsste sogar noch mehr getan werden. In diesem Fall würde die Regierung wahrscheinlich einige dem Umweltschutz geschuldete Einschrän­kun­gen aufheben.

Der Köder mit dem Haken. Kein Wort davon, wie diese seltsamen Zahlen zustande kamen. Das Unternehmen beschäftigt zurzeit 2300 Mitarbeiter. Der Zeitung gegenüber wurde vom Management kein vorliegender Plan bestätigt. Diese aber habe erfahren … Es hagelte Dutzende böse Leserkommentare. Der heftigste war: »Wäre die Gesetz­gebung in Portugal ausgewogen, würde das Pflanzen von Eukalyptus mit Gefängnis bestraft werden wegen der schlimmen Folgen, die es hat. Gut, es gibt es diejenigen, die jedes Jahr Feuer an Eukalyptuspflanzungen legen.« Es ging Schlag auf Schlag. Zunächst war es eine Idee, die absurd klang. Die Regierung erwägt, so hieß es, das Management des nationalen Waldes dem privaten Konzern Portucel zu übertragen.

Es hagelte Proteste, Einreden von allen Seiten, es wurden Unterschriften gesammelt. Doch ohne Fackeln, ohne Zögern, ohne auf die mahnenden Stimmen der über die Jahre weit abgehängten Umweltschützer und Mahner zu hören, ging es voran.

Am 20. Juli, pünktlich zur Eröffnung der Waldbrandsaison, verkündete die vor einem Jahr berufene Ministerin für Landwirtschaft, Fischereiwesen, Raumordnung … und Umweltschutz, A. Cristas, dass von der EU-Gelder für die »Hilfe nach dem Feuer« bereitgestellt seien. Es handelt sich um die Größenordnung von rund 100 Millionen Euro. Zu dem Nach-dem Feuer-Maßnahme-Plan gehört Aufforstung. Sie bestätigte in derselben Verlautbarung, dass die Naturschutzgesetze »liberalisiert« würden.

Wo ein Wille: Bereits am 20. September stellte die Ministerin den neuen Gesetzentwurf, getarnt als Vereinfachung, de facto die Deregulierung des Waldmanagements, im Parlament vor. Sie wolle ein schlankes Gesetz, das als »Script« diene und nicht ordnungspolitisch wirke.

Seit 1987 war es verboten, auf verbrannten Flächen andre Spezies zu pflanzen als jene, die zuvor dort standen. Diese nach Jahren der erzwungenen Anpflanzung von Eukalyptus durch wiederholte Feuerattacken dringend gebotene Regulierung wurde nun aufgehoben. Diese Deregulierung stellt nicht nur einen Preis für eine Straftat zur Verfügung, es ist eine Einladung zu einer Straftat.

Die kleinen Waldbesitzer mit Flächen unter vier Hektar, von denen es Tausende gibt, sollen Beihilfen für die Pflanzung »schnell wachsender Arten« erhalten.

Landwirtschaftlich genutzte oder nutzbare Flächen sind nicht mehr geschützt. Dies ist das Szenario einer sich ausbreitenden Entvölkerung ländlicher Gebiet, in denen nichts als Eukalyptus wächst. Es ist nicht schwer zu verstehen, woher diese verbrecherische Idee stammt. Eine Regierung, die in Zeiten der Krise keinen langfristigen Plan hat, dem Land wirtschaftlich wieder aufzuhelfen, wirft sich auf die Versprechungen kurzfristiger hoher Gewinne. Die Zellulose hat Raum für Wachstum. Für die Folgen werden weder die aktuell Regierenden, noch die Manager im Hintergrund aufkommen. Geleitet von ideologischen Vorurteilen, blind gegenüber den Grenzen des Marktes sowie der natürlichen und sozialen Ressourcen, nehmen sie Anleihen bei den mächtigsten wirtschaftlichen Interessen auf. Die Härte, Unduldsamkeit und Unbelehrbarkeit, mit der dies und vieles andere im Windschatten der Krise durchexerziert wird, hat stalinistischen Zuschnitt, so wie der Kern der neoliberalen Ideologie auf einer glatten Umkehrung stalinistischen Denk- Glaubens beruht und bei Anwendung und Verwirklichung seinen mediokren Ursprung verrät. Und so erschaffen die Protagonisten des Eukalyptus, woraus sie selbst hervorgegangen sind: Monokulturen.

 

 

 

VII Die wirkende Hoffnung

 

»Der Gaio

Es wird Weihnachten, und mit ihm kommen zwölf dunkle Nächte einer Zeit ohne Zeit bis zu den Königen, der die Epiphanie folgt, und mit ihr öffnen sich die Türen für ein neues Jahr. . . wir sind im Jahr 2017.

Und das Jahr beginnt mit einer bedeutenden Veränderung. Subtil, weil sich nur der Name ändert, aber signifikant dadurch, was diese Änderung bedeutet und das Gewicht, das ein Wort haben kann und hat.

Der Name »Bewegung Verbrannte Erde« hat mich wirklich gefreut! Im Unterschied zu anderen Ansichten, die ich hörte, solange ich Teil der Bewegung bin, dass der Name Verbrannte Erde »negativ« oder »schwer« sei, mochte ich ihn. Es war gut, dass er einen Finger auf die Wunde legte, und uns dazu brachte, über eine Realität nachzudenken. Eine schwer zu schluckende Realität, sicher, aber immer noch eine Realität, die der Waldbrände und der Verwüstung, die ihnen folgt, um zu bleiben. Und eine Realität, von der ich glaube, dass es entscheidend war (und ist!), die Aufmerksamkeit auf sie zu lenken. . . die der Erde, verbrannt, ausgesetzt, schwarz, in Asche, leblos auf ihrer Bedeckung. Das Feuer, das existiert und existieren wird, ist ein vitales Element und Teil des Ökosystems. Zerstören, um neu zu transmutieren. Töten, um sich zu regenerieren. Es verwandelt alles zu Asche, aus der Phönix aufsteigt. Aber (und es heißt, es gibt immer ein aber. . .) es ist außer Kontrolle geraten in diesem an der Küste gepflanzten Land. Es handelt sich um ein Problem von enormem Ausmaß, das der Waldbrände, dem portugiesischen Wald und der territorialen Raumordnung. Und eine Umweltbewegung »Verbrannte Erde« zu nennen, könnte sogar stark sein, schockierend, verstörend, aber das genau war es, was ich mochte, denn es entpuppte sich als Augenöffner, eine Warnung, ein Anlass zum Nachdenken! Er lenkte umstandslos den Blick auf das, was ist. . .

Aber das Leben hört nicht auf, und nach dem Feuer bricht es hervor und der Wald wird wiedergeboren. Ich erinnere mich, wie der grüne Start in der Serra da Freita an den Wasserläufen kurz nach den Bränden ausbrach. Wie ich mich auch an große Violettflecken in der Mitte der Asche erinnere, ein Geschenk von einigen Blumen, von denen ich den Namen nicht kenne. Alles beginnt wieder, fühlbar zu werden. . . und der Eichelhäher Gaio schafft sich Gehör!

Dieser Name beglückte mich, er machte mich sehr glücklich! Ich mag den Gaio. Er übt eine richtige Faszination auf mich aus, und die Zeit bleibt stehen, wenn ich ihn sehe, wenn ich ihn höre. Ein Rabenvogel von starker Persönlichkeit, aufmerksam, laut, von schönen Farben. Der bunte Verwandte des schwarzen Raben.

Zumal dieser Name auch gute Erinnerungen weckt. Es war Mitte November 2016, Vollmond, ein Supermond, riesig und hell, wie es ihn seit einigen Jahrzehnten nicht mehr gegeben hat, wie die Experten sagen. Und ich, in der Serra da Freita, war in Ameixieira mit dem »Meisterlehrling« Bernd. Wir haben uns um Bäume, den Wald gekümmert, warfen Grassamen steile Hänge hinab, die durch Brände der Erosion ausgesetzt waren und pflegten Setzlinge in der Baumschule. Nachts vor dem Kamin sprach Bernd vom Gaio. Von seiner Bewunderung für ihn, Gaio, dieser Freund des Baumpflanzers und Sämann des Waldes. »Bandit!«, »Dieb!«, nennen einige den Eichelhäher, denn er wartet auf jede Gelegenheit, um sich Eicheln zu holen, die wir gesammelt haben. Aber nicht Bernd, nein! Er ist ein aufmerksamer, intelligenter, beobachtender, vorausschauender Mann. Er spricht mit mir vor dem Kamin darüber, warum er den Gaio als Freund ansieht. Wie er absichtlich Eicheln verstreut, damit der Gaio sie auflesen kann. . . es ist wahr, dass er sie sammelt, bis zu zwölf in seinem Halssack, ja, das ist bekannt, aber es ist auch bekannt (und Bernd weiß es!), dass er sie begräbt, damit sie ihm später als Nahrung dienen. Wie man ebenfalls weiß, vergisst er von einem Gutteil von ihnen, wo er sie vergraben hat. Und die werden keimen und werden Eichen! Welchen besseren Verbündeten kann ein Waldbauer haben? Was auf den ersten Blick »schlecht« erscheinen mag (der »Bandit«, der Eicheln stiehlt), für den aufmerksamen Beobachter und für den, der nicht übereilt Schlussfolgerungen zieht, ist das am Ende ein Vorteil. Der mutmaßliche Dieb entpuppt sich als Säer.......................................... [Moment der Reflexion]..................................................

Gaio, der schöne Gaio! Und so verbringen wir einige Zeit, um über den Gaio zu sprechen, und die Bedeutung, die er im System haben kann (oder Organismus, wie Bernd gern sagt, anstatt System). Zeit fürs Bett. Früh am nächsten Tag bin ich in der Baumschule, um Walnüsse in die Pflanzkisten voller Erde zu stecken, und Gaio lasst sich hören! »Hat Bernd dich gehört?« frage ich mich still. Dumme Frage, es ist Bernd, natürlich hat er ihn gehört. Nach einer Weile kam er zu mir und sagte, dass er schon »da weiter unten« gewesen sei und dem Gaio Eicheln in einer Kiste hinterlassen habe. Ahh, nun, er hatte am Vortag gesagt, dass er es tun würde! Ein Mann des Wortes, integral und weise, in der Tat. Und ich bezeuge all dies, und ich vibriere mit dem Moment, mit dem Gaio, mit Bernd, mit den Bäumen, mit dem Vollmond, mit dem Leben! Und ich komme glücklich nach Hause!

Und die Zeit vergeht, und das Jahr beginnt mit der Nachricht, dass die Bewegung Verbrannte Erde sich jetzt Gaio-Bewegung nennt, und meine Seele vibriert wieder. . . durch die Evolution, wegen des Namens, durch die Erinnerung an diesen Vollmond Ende November, für den Gaio, weil ich Bernd über den Gaio sprechen hörte und intuitiv verstand, was er mir mitteilte, und weil ich an der Regeneration der verbrannten Erde beteiligt war.

Und weil der Fokus die Wahrnehmung der Realität bestimmt und die Energie der Aufmerksamkeit folgt, freue ich mich über den Fokus und die Aufmerksamkeit, die dem Gaio und seiner Rolle im größeren lebenden Organismus, dem Wald, und letztendlich dem Planeten, entgegengebracht wird. Mögen die Gaio-Bewegungen und ihre Helfer, die Gaios (Rabenvögel und Menschen), weiterhin Bäume in der Serra da draußen säen und pflanzen, das ist es, was ich mir wünsche. . . «

Diesen Text meines Freundes Tiago Dagall zitiere ich hier vollständig, da er aus seiner sehr persönlichen Perspektive unser aller Bedürfnis nach begründeter Hoffnung belegt. Auf Vorrat denken, Hand in Hand mit Deinen Enkeln. Auch wenn heute niemand mehr wagt, sieben Generationen voraus zu planen.

 

Tiagos Reflexion setzt Ende 2016 ein, vier Monate, nachdem ein Mega-Waldbrand die Serra da Freita heimgesucht hatte. Der erste Ausbruch geschah an einem Morgen Anfang August in Merujal, einem kleinen Dorf am westlichen Rand der Hochebene, dem zuständigen Forstingenieur des ICNF Manuel Rainha zufolge durch einen Schäfer verursacht. Sein Verdacht ließ sich allerdings nicht beweisen. Am Nachmittag des folgenden Tages brach ein Feuer am Nordrand der Hochebene aus, direkt unter dem Mast der Hochspannungsleitung, die vom dortigen Windpark ins nächste Umspannwerk führt. Bereits in der Nacht zuvor waren wandernde Funkenlinien unter jener Hochspannungsleitung beobachtet worden. Das Feuer breitete sich an den Hängen mit großer Geschwindigkeit aus und wurde von den Feuerwehrleuten, die aus entfernten Stützpunkten ausgerückt waren und deshalb nicht ortskundig, unzureichend bekämpft und, wo es eingedämmt werden konnte, nicht bewacht, es brach mehrfach und dann verstärkt wieder aus. Die ortsansässigen Feuerwehren waren vollständig in die Bekämpfung eines zuvor ausgebrochenen Brandes eingebunden, der die 20 Kilometer entfernt sich endlos ausdehnenden Eukalyptus-Pflanzungen erfasst hatte. Nur zwei Tage nach dem immer noch nicht vollständig gelöschten Brand an der Nordflanke der Serra da Freita brach ein Feuer im 12 km entfernten Dorf Telhe aus, das von Pinien und Eukalyptus eingeschlossen ist. Dieses Feuer sollte in den folgenden Tagen ungehindert über die Berge und Täler vom Wind Richtung Westen getrieben vordringen, mehrere Fronten bilden, auf die Hochebene gelangen, sich mit den anderen verbinden und insgesamt 25.500 Hektar Busch und Wald in Asche verwandeln. Manuel Rainha zeigte uns auf einer gemeinsamen Begehung der verbliebenen Mondlandschaft, wie tief in den Wurzelbereich hinein das sich langsam vorfressende und deshalb extrem heiße Feuer den Boden zerstört hatte. Der Fußtritt gegen einen verkohlten Strunk genügte, um eine Wolke aus Staub und Asche aufzuwirbeln. Wir sahen denn auch weiter entfernt mehrere dünne, hohe Staubsäulen sich langsam um die eigene Achse drehend fortbewegten. Alles war schwarz, soweit wir sehen konnten. Kühe knabberten an schwarzen Strünken. Mag sein, dass die Einnahme von Holzkohle den Ausstoß von Methan verringerte. Ein großer Teil unserer seit 2013 gemachten Anstrengungen mit Direktsaat von Eicheln, Saatbällen und Pflanzungen war verloren. Die Bäume waren zu jung gewesen, sie waren der Plage der Waldbrände zum Opfer gefallen. Es gab bemerkenswerte Ausnahmen. Wo erwachsene Eichen und Birken dicht zusammenstanden, war das Feuer nicht eingedrungen. Sechs verfallene Forsthäuser gibt es in der Serra da Freita. Die Förster hatten, um sie zu schützen, mehrere Reihen Zypressen um sie herum gepflanzt, die auch diesem Feuer standgehalten hatten. Eine etwa dreißig Jahre alte Pflanzung von Douglasien hatte den Waldbrand ebenfalls überstanden. Lediglich die ersten zwei Reihen an der Ostflanke, von der das Feuer angegriffen hatte, waren verbrannt. Diese 33 Hektar umfassende Pflanzung dient uns als Referenz bei unseren Veranstaltungen der Waldbeobachtung und gemeinsamen Wanderungen. Referenz bedeutet Ausrichtung, Beispiel, Markierung. Als Buchdrucker lernte ich: »Das Auge wächst mit«. Das meint: ohne Referenz, ein Muster, das zum Vergleich dem ausgedruckten Probedruck beiliegen muss, passt sich die Wahrnehmung dem jeweils Gegebenen an. Das Auge, unser wacher Sinn, wächst überall mit, wo es kein Modell für vergleichende Orientierung findet. An diesem Forst lässt sich eine intelligent geplante und vergleichsweise naturnahe Forstbewirtschaftung zeigen. Ausgewählt wurde ein Hang mit 30 bis 40 Grad Neigung mit einem Bachlauf zu seinen Füssen. Zunächst wurde er auf beiden Seiten mit Birken umpflanzt, so dicht, dass der Hain stellenweise undurchdringlich ist. Hangaufwärts folgen die Douglasien, mittlerweile in unregelmäßigen Abständen von drei bis fünf Metern. Sie stehen noch immer dicht genug, um im schattigen Bereich ihre Seitenäste zu verlieren und schneller ins Licht hinauf zu wachsen. Das ist durchaus unschön und wenig naturnah, entspricht allerdings dem Vorgehen im Produktionswald. Dann folgt ein breiter Weg, der beidseitig von zwei Reihen einheimischer Laubbäume, Kastanien, Pyrenäeneichen und Bergahorn gesäumt ist. Danach folgt hangaufwärts eine weitere Pflanzung von Douglasien, die am Bergkamm mit einem weiteren Weg endet, der von einheimischen Laubbäumen gesäumt wird. Mit erhöhter Biodiversität wird auch dem Sinn für Schönheit Genüge getan. Am Wegrand finden sich Moos, Kräuter, Wildblumen und im Herbst Pilze, die Laubbäume sind von Flechten besetzt. Hier Horstet ein Bussard, der regelmäßig seinen hohen Schrei hören lässt, singen Vögel; Wildschwein, Fuchs und Wolf durchstreifen die Waldung und hinterlassen ihre Spuren. Dem aufmerksamen Beobachter fällt ins Auge, dass bei Entnahme von Douglasien sich die Laubbäume ausbreiten. Ein weiteres Wesensmerkmal dieses Forstes ist unsichtbar, es findet im Erdboden statt und hat mit den mittlerweile bekannten Mykorrhizen zu tun, winzigen Pilzfäden, die sich mit den feinsten Baumwurzeln symbiotisch verbinden. »Faszinierend!«, würde Mr. Spock sagen. Er wird ja noch irgendwo da draußen in den endlosen Weiten des Alls umherreisen. Doch folgen wir der kanadischen Forstwissenschaftlerin Suzanne Simard, denn Faszinierendes findet auch auf Erden statt: »How trees talk to each other«, wie Bäume mit einender reden, heißt ein Vortrag von ihr. Sie wies Anfang der neunziger Jahre im Laboratorium nach, dass Birken und Douglasien Kohlenstoff miteinander tauschen, und zwar in beide Richtungen, mittels Mykorrhizen. Achtzig Prozent aller Pflanzen sind mit Mykorrhizen verbunden und in ihrem Gedeihen von ihnen abhängig. Die größten Pflanzen sind Bäume, die alle mit Mykorrhizen verbandelt sind.

»Sie tauschen Informationen und Nährstoffe unter einender und dies alles verwurzelt, unfähig zu sprechen, einander zu erreichen oder sich zu bewegen.

Das Erfolgsgeheimnis liegt unter dem Waldboden, wo Wurzelsysteme die hoch aufragenden Stämme darüber stützten. Partner dieser Wurzeln sind symbiotische Pilze, die Mykorrhizen genannt werden. Diese Pilze haben unzählige verzweigte, fadenförmige Hyphen, die zusammen das Myzel bilden. Das Myzel breitet sich über eine viel größere Fläche als das Baumwurzelsystem aus und verbindet die Wurzeln verschiedener Bäume miteinander. Diese Verbindungen bilden Mykorrhizen-Netzwerke. Durch sie können die Pilze Ressourcen und Signalmoleküle zwischen den Bäumen austauschen. Wir wissen, dass die ältesten Bäume die weitesten Mykorrhiza-Netze mit den meisten Verbindungen zu anderen Bäumen ausspannen. Doch diese Verbindungen sind schwer nachzuverfolgen, da es über hundert verschiedene Arten von Mykorrhiza-Pilzen gibt und das Wurzelwerk eines einzelnen Baumes von vielen Pilzorganismen besiedelt werden kann. Jeder von ihnen ist mit einer einzigartigen Baumgruppe verbunden, die wiederum ihr eigenes Pilznetzwerk hat.« 9

Sie schlussfolgert, dass Bäume viel mehr als soziale denn solitäre Wesen anzusehen sind und Waldgemeinschaften bilden, in denen jeder Baum mit anderen kommunikativ sowie existenziell verbunden ist. Wer einen Wald betritt, spürt das sehr wohl, er ist alsbald umgeben von einer Art höherer Gemeinschaft, im Wort- wie im übertragenen Sinn, der Wald kommuniziert mit uns auf die vielfältigste Weise; durch Wind, der die Blätter rauschen lässt (wer je Wind durch verbrannte Wipfel fahren hörte, erinnert sich mit Grausen an den eintönigen Sound), Insektensummen, Vögel, die vor unseren Blicken verborgen ihre Gesangsstunde abhalten oder uns auch manchmal begleiten wie der wachsame und laut Alarm! schreiende Eichelhäher oder Gaio. Das Wissen, das sich unter unseren Füssen dieses symbiotische Netzwerk aus Pilzfäden ausspannt, bindet uns geistig dichter an diese uns einladende Gemeinschaft, lässt uns bewusster werden, was wir fühlen. Meinen menschlichen Begleitern zeige ich gern die weißen Pilzfäden, die sich in verrottendem Laub finden und unverwechselbaren Pilzgeruch ausströmen.

Im Fall des hier betrachteten Birken-Douglasien-Forstes pumpen die Birken im Sommer Wasser vom Bachlauf hinauf zu den Douglasien, angereichert mit Nährstoffen wie Phosphaten, die von den zwischengeschalteten Pilzfäden hinzugefügt werden. Im Winter, wenn die Photosynthese der Birken ruht, schicken die Douglasien Kohlenstoff hinunter zu den Birken. Das ist die Basis, die diesen klug angelegten Forst resilient machte und den Waldbrand überstehen ließ, der ringsumher alles verkohlte.

 

Wenn ein einzelner Baum die Heimat eines Miniaturuniversums des Lebens ist und wir mit großen Augen lernen, dass ein Baum keine in sich geschlossene Welt ist, sondern ein synaptischer Knotenpunkt in einem komplexen Kosmos von Beziehungen in ständiger und erstaunlicher Kommunikation mit anderen Knoten, Beziehungen, die das Gefüge des irdischen Lebens verweben, was macht es mit uns – was offenbart es über unseren Charakter als planetarisches Gemeinschaft und Zivilisation – zu sehen, wie die Wälder der Welt vor unseren Augen in Flammen aufgehen, in so wilden Waldbränden, dass sie vom Weltraum aus sichtbar sind? Von nah gesehn, gefühlt, gerochen. . . machte es mich abgrundtief traurig, dann zornig und hieß mich schließlich gemeinsam mit meiner Frau Teresa handeln.

 

 

VIII Prometheus stahl das Feuer

 

Vortrag der Gaio-Bewegung bei Forest Days in Arouca »Der Wald und die Waldbrände «

 

Ich werde meinen Beitrag mit dem Mythos von Prometheus beginnen, den die alten Griechen als einen Freund der Menschheit ansahen.

Prometheus stahl das Feuer von Hestia und gab es den Sterblichen. Zeus, der befürchtete, die Sterblichen könnten ebenso mächtig werden wie die Götter, bestrafte ihn für dieses Verbrechen und kettete ihn für alle Ewigkeit an einen Felsen, während ein großer Adler jeden Tag seine Leber fraß - die am nächsten Tag wieder wuchs.

Hestia, von der Prometheus die Flamme gestohlen hatte, war die Personifizierung eines beständigen Heims, die als Beschützer von Städten, Familien und Kolonien verehrt wurde. Ihre heilige Flamme leuchtete ununterbrochen in den Häusern und Tempeln. Alle Städte besaßen das Feuer von Hestia, das sich in dem Palast befand, in dem sich die Stämme versammelten. Dieses Feuer sollte direkt von der Sonne gekommen sein.

Hestia, immer fest und unveränderlich, symbolisierte die Beständigkeit der Zivilisation.

In Delphi wurde die ewige Flamme aufbewahrt, mit der die Hestia an anderen Altären entzündet wurde.

Kürzlich wurde eine Höhle mit Überresten der ersten Siedler des portugiesischen Territoriums vor etwa vierhunderttausend Jahren entdeckt. Man fand Werkzeuge der Acheulean-Kultur (beidseitig behauene Steinwerkzeuge) und verbrannte Tierknochen, die auf einen kontrollierten Einsatz von Feuer schließen lassen. Das heißt, der Mythos von Prometheus hatte vor mindestens vierhunderttausend Jahren seine reale Grundlage.

Es ist denkwürdig, dass Prometheus, übersetzt aus dem Griechischen, Weitsicht bedeutet. Etwas als unerlässlich Angesehenes, um drohende Gefahren zu verringern.

Voraussicht, auf die Umstände und die Realität in Portugal angewendet, erfordert eine klare Sicht auf die Bewirtschaftung des portugiesischen Waldes. Die letzten schrecklichen Waldbrände des Sommers 2016 haben zumindest die Vorhänge verbrannten. All die Vernachlässigung von Jahrzehnten, alle Misswirtschaft, sowohl in den Bergen als auch in der Politik liegen offen vor uns.

 

Was wäre die Lektion, die zu lernen ist?

In feuergefährdeten Regionen wie der Serra da Freita sind Konzepte zur Bekämpfung von Waldbränden erforderlich, die sowohl präventive Maßnahmen als auch Risikoüberwachung umfassen, die Organisation von Feuerlöschdiensten und die Verbesserung der Infrastruktur. Achtung, diese Konzepte, die in Managementplänen zusammengefasst werden, müssen vor Ort durchgeführt werden. Das ist bislang nicht passiert.

Der Wald ist kein Holzacker. Wer an Wälder denkt, muss in größeren Dimensionen denken. Aber was gesät wird, wird geerntet. Wer Mischwald pflanzt, pflanzt einen widerstandsfähigeren und nachhaltigeren Wald, pflanzt Sauerstoff, Frische, Regen und Wasserrückhaltung, wodurch ein stetiger Wasserfluss und schließlich ein reichhaltiger und feuchter Boden entsteht. Wer Eukalyptus pflanzt, pflanzt trockene Monokulturen, pflanzt keinen Lebensraum für Wildtiere, schafft arme Böden, pflanzt schließlich kaum zu bekämpfende Waldbrände.

Wir müssen bedenken, dass der Eukalyptus giftige und leicht entzündbares Öle enthält. Wir müssen daran denken, dass diese Art ein aktiver Pyrophyt ist, eine Pflanze, die Feuer nicht nur toleriert: »Einige Bäume und Sträucher wie der australische Eukalyptus fördern sogar die Ausbreitung von Bränden, indem sie brennbare Öle produzieren, und sind auf ihre Feuerfestigkeit angewiesen, die verhindert, dass andere Baumarten in ihren Lebensraum eindringen.« Quelle: Wikipedia.

Wir müssen uns daran erinnern, dass diese Pflanze ihren antipodischen Ursprung in einer extrem heißen und trockenen Umgebung hat. In enormen Ausdehnungen implantiert, verändert sie das Mikroklima, das lokale und regionale Klima und schafft so sukzessive die klimatischen Bedingungen seines Ursprungs.

Wir müssen uns von der Vorstellung verabschieden, dass der Wald uns alles kostenlos gibt, also »niemand etwas tun soll auf meinem Land, nicht einmal ich.«

Es braucht Investitionen, neue Ideen und Engagement, um das Paradigma zu ändern.

Die Forstwirtschaft ist auf einen funktionellen und offenen Markt angewiesen. Ein Markt, der von Zellulosemonopolen dominiert wird, ist weder flexibel noch ausgewogen oder fair.

Um wirtschaftlich nachhaltige Alternativen zu schaffen, müssen diese Alternativen gefördert werden. Obwohl ein naturnaher Wald seinen eigenen wirtschaftlichen Wert als Ziel für Tourismus, Freizeit, Wohlbefinden und Heilung verschiedener Übel hat, sollte die Frage in Betracht gezogen werden, wie dieser Wert mit den Eigentümern dieses Naturraums geteilt werden kann.

Es muss Regeln, Kontrolle und Aufsicht geben. Ebenso wie keine Kirche ohne Pfarrer oder Priester funktioniert, braucht Waldbewirtschaftung Förster.

Wir sind Teil eines globalen Ökosystems, das sich schnell ändert, allerdings nicht zum Besseren. Waldbrände, besonders in der Dimension wie in Portugal, sind Motoren des Klimawandels.

Seit 2012 arbeiten wir in der Serra da Freita, haben einheimische Laubbäume gepflanzt, Sämlinge gezogen und allsommerliche Aktionen der Waldbeobachtung durchgeführt. Wir haben die Pflanzstandorte durch eine strategische Lektüre der Landschaft ausgewählt. Buschland wurde mit Traktoren gereinigt und Pflanzlöcher mit Baggern ausgehoben.

Wir haben eine Reihe von Reinigungsarbeiten durchgeführt und dabei verbrannte Jungkiefern auf der Fläche der vorherigen Waldbrände geschnitten und sie als Erosionsschutz in Streifen gestapelt.

Wir realisierten eine Serie von Pflanzungen mit Hunderten von Freiwilligen. Wir schaffen eine Gemeinschaft von Pflanzern, die Eltern mit ihren zum Teil noch sehr kleinen Kindern einschließt. Seit Oktober 2016 haben wir etwa 30 ha Jungwald gepflanzt, was 30 Fußballfeldern entspricht - drei Hektar auf der Hochebene des Baldio von Albergaria da Serra mit einer großen Vielfalt an Laubbäumen.

Auf dem Gebiet eines ehemaligen Kiefernhains, der vollständig abgebrannt ist, haben wir nach dem Fällen der verkohlten Stämme und ihrem Abtransport mit der Pflanzung einheimischer Laubäumen begonnen. Bislang sind 6 ha aufgeforstet worden. Auf einer Anhöhe über dem Gelände haben wir einen Wassertank errichtet, mit dessen Hilfe die Pflanzen in den heißen Sommermonaten bewässert werden. Falls Mykorrhiza im Boden überlebt haben, waren sie auf Nadelbäume ausgerichtet. Wir investierten in den Kauf löslicher Mykorrhiza für Laubbäume, die dem Bewässerungssystem zugegeben wurden. Die Erfahrung des ersten Sommers ist mehr als überzeugend.

Wir haben eine lokale Baumschule geschaffen, um die Pflanzungen regelmäßig fortzusetzen. Laubbaum- Setzlinge, die in der Nähe ihrer späteren Pflanzung gezogen wurden, sind viel besser an die klimatischen Bedingungen angepasst, mit denen sie konfrontiert werden, und außerdem verringern wir die Kosten sowie die Umweltbelastung durch Transporte.

Manche sagen, es wird acht Jahre dauern, bevor ein erneutes Feuer in Serra da Freita ausbricht. Wenn wir das als Warnung begreifen, müssen wir vorbeugende Maßnahmen ergreifen. Drei großen Wassertanks mit Anschlüssen von Feuerwehrschläuchen und zur Versorgung von Bewässerungssysteme wurden gebaut. In unseren Plantagen schaffen wir mit dichter gepflanzten Birken grüne Brandschutzbänder.

Diese Maßnahmen und all unsere Anstrengungen machen den Baldio von Ameixieira zu einem Vorbild, das anderen zeigt, was möglich ist. Es braucht Resilienz, um einen resilienten Wald zu schaffen. Es braucht Liebe zur Schöpfung. Wir müssen in Einklang miteinander arbeiten, wie die Bäume in einem einheimischen Wald, die um Sonnenlicht konkurrieren, aber unterirdisch miteinander verbunden sind und sich gegenseitig unterstützten. Wir erinnern an das Konzept des Mutterbaums, des ältesten und stärksten Baums, den ein Wissender niemals fällt, da er durch das Wurzelsystem und dessen Verbindung mit Pilzen, die sogenannten Mykorrhiza, allen jungen und schwachen Bäumen Beistand leistet.

Wir arbeiten mit den Schulen von Arouca zusammen, die uns mit Saatball-Veranstaltungen und der Schaffung von Gebetsfahnen begleiten, die in Serra da Freita auf den Pflanzungen als Zeichen von Präsenz, Unterstützung und geistigem Schutz gehisst werden. Alles, fast alles hängt von der Einbeziehung der neuen Generationen ab, denn sie sind, wie im Konzept des Mutterbaums, Ziel und Nutznießer unserer selbstlosen Arbeit.

 

Jeder Säer

Sät gegen die Gegenwart.

Sät als Seher

Die zukünftige Ernte,

Ohne zu wissen, ob der Boden hart ist

Und er die Saat empfängt.

 

                                              Miguel Torga«

 

Dieser Vortrag wurde im Mai 1017 gehalten, und schon im darauffolgenden Monat Juni brachen die schwersten Waldbrände der Geschichte über Portugal herein, ihr Zentrum bildete Pedrógão Grande 50 km südöstlich von Coimbra. Mindestens 65 Personen starben in den Flammen oder an Rauchvergiftung, etwa 200 weitere Personen wurden teils schwer verletzt. Allein auf der Nationalstraße 236, seitdem in Portugal als Straße des Todes bekannt, starben 47 Menschen, davon 30 in ihren Autos, als sie aus dem Brandgebiet zu fliehen versuchten. Die Straße des Todes war beidseitig bis an den Straßenrand von hohen Bäumen, Pinien und Eukalypten, gesäumt. Auf den Fotografien sind sie durch ein typisches Merkmal, das ihr Verhalten im Feuer zeigt, unterscheidbar. Die Pinien sind vom Stamm auswärts bis in die Kronen hinein verkohlt und behalten ihre Form. Die Baumkronen der Eukalypten sind vollständig entlaubt, das Feuer breitet sich über ihre Kronen aus, die schmalen, leicht eingedrehten Blätter lösen sich leicht bei größerer Hitze und fliegen brennend über weite Strecken. Dasselbe gilt für die am Stamm lose hängende Borke, die in großen Stücken brennend fliegt, wohin der durchs Feuer angefachte Sturm sie weht10. Polizei und der Katastrophenschutz gingen zu Beginn der Feuersbrunst wegen der verschiedenen fast gleichzeitig aufflammenden Brandherde von Brandstiftungen aus. Der Waldexperte des Umweltvereins Quercus Domingos Patacho konnte anhand eigener Filmaufnahmen belegen, dass das spezifische Feuerverhalten des Eukalyptus für weit entfernt auftretende Sekundärfeuer verantwortlich ist. Eine vom Parlament eingesetzte, aus zwölf Spezialisten zusammengesetzte Expertengruppe, suchte nach der Ursache dieser Katastrophe, möglichen Lösungen und schrieb einen umfangreichen Report.

Neben den bekannten, auch von unserer Bewegung immer wieder benannten Problemen, heißt es im Report:

»Das dritte Problem ergibt sich aus dem Governance-Rahmen, dem der portugiesische Wald ausgesetzt ist. Zu Beginn sei daran erinnert, dass die nationale Forstbehörde in den letzten zwanzig Jahren sechs Mal ihre institutionelle Tracht geändert hat. Für eine Institution, die seit mehr als einem Jahrhundert stabil war, ist von dieser gewundenen Entwicklung nichts Gutes zu erwarten. Die Stabilität dieses institutionellen Gebiets ist das Paradigma der meisten Länder, die den Wald unabhängig von den Formen der Bewirtschaftung oder seines Schutzes als nationales Erbe betrachten. Selbst innerhalb der aktuellen nationalen Forstbehörde gehört die organische Bewirtschaftung des Waldes und die strategische Vorbeugung gegen Waldbrände der Vergangenheit an. In wenigen Jahren ist aus einer Spitzenstruktur der öffentlichen Verwaltung mit einem Profil der Generaldirektion ein Randsektor mit den Schwierigkeiten einer Dienstleistungsabteilung eines Unternehmens geworden, das durch Zusammenschluss der Funktionen verschiedener Organisationen zusammengeführt wurde.

Diese Mängel im institutionellen Rahmen und im Governance-Modell tragen dazu bei, das Problem der Waldbrände zu verschärfen und allgemein eine bessere Planung und Bewirtschaftung ländlicher Gebiete zu verhindern. Diese Aspekte spiegeln sich in der begrenzten Anwendung und Erfüllung der in den Rechtstexten und in den verschiedenen zwischenzeitlich konzipierten Plänen festgelegten Zielen wider.«

Das sind deutliche Worte, gerichtet an die amtierenden Politiker. Wurden sie gehört und verstanden? Da alle gewichtigen politischen Parteien in den Prozess der Auflösung dieser zentralen Institution des Wald-Dienstes beteiligt waren, ist es für sie außerordentlich schwierig, diesen Fehler nicht nur einzugestehen, sondern auch zu korrigieren. Sie müssten nicht nur vor ihren Wählern rechtfertigen – wir haben keinen Zweifel, dass sie in dieser causae communi hinter ihnen stünden – sondern sich vor der allmächtigen Zellstoffindustrie rechtfertigen müssten. Und so wanken die Politiker, vollmundig allen alles versprechend, auf ihr politische Überleben mehr bedacht, als auf die Angelegenheiten, für die sie zuständig sind, zwischen allen Tischen und Stühlen. In Tat und Wahrheit ist Portugal in derselben Situation wie vor hundert Jahren, als der Wald-Dienst aus einer allgemein bewussten Situation, dem Mangel an Wald, gegründet wurde: Waldwirtschaft ohne Waldmanagement ist ein Widerspruch in sich. Diesmal ist nicht sein Mangel, sondern die Okkupation des dem Wald gewidmeten Raumes durch eine invasive und feuergefährliche Spezies, Eucalyptus globulus, die Herausforderung, der die weitgehend entmachtete Rest-Institution ICNF (Institut für den Schutz der Natur und der Wälder), nicht gewachsen ist, ebenso wenig wie der in der Kette der laufenden Ereignisse folgende Katastrophenschutz und die Feuerwehren. Sie sind Torhüter in einem im Voraus verlorenen Spiel.

Dennoch gibt es ermutigende Zeichen, typisch für Krisen, wenn die versteinerten Verhältnisse in Bewegung geraten. Die Europäische Kommission startete im Mai 2020 eine Biodiversitäts- Kampagne, die für die Regenerierung degradierter Landschaften und deren Aufforstung mit einheimischen Bäumen viel Geld zur Verfügung stellen will. Und die erste portugiesische Industrie-Gesellschaft, die sich vorn einreiht, ist ausgerechnet die Navigator-Company, größter Besitzer von Eukalyptus-Monokulturen, die ihr Einflussgebiet nach Mozambik und Angola ausgedehnt hat. Schon jetzt pflanzt sie – in Portugal – größere Flächen mit einheimischen Laubbäumen an und will mit dieser Strategie sowohl der wachsenden Kritk begegnen und gleichzeitig Zuwendungen aus europäischen Töpfen für Umweltschutz- Projekte mitnehmen.

 

Eine mithilfe von Satelliten-Daten erstellte Karte, welche die Ausbreitung des Eukalyptus in Portugal veranschaulicht.

Die verfehlte Forstpolitik der letzten Jahrzehnte schuf die Grundlage der Katastrophen, die sich regelmäßig wiederholen.

Autor: Pedro Tarroso:

The distribution is based on the 6th National Forest Inventory (Instituto da Conservação
da Natureza e das Floresta) for 2015. The classification of the dominant tree species is performed over a 500x500m grid. The altitude information is obtained from the SRTM 30m (NASA Earthdata). I used QGIS, R, GDAL, GIMP and Blender to make the map.

10 Jahre Waldbrände in Portugal.

"Der schwarze Bereich ist der zwischen 2010 und 2019 verbrannte Bereich und wird durch eine leuchtende Kante begrenzt, um die Sichtbarkeit kleinerer Bereiche zu verbessern.
Um die Karte zu erstellen, habe ich alle verbrannten Gebiete (Quelle: Instituto da Conservação da Natureza e das Florestas) zwischen 2010 und 2019 zusammengeführt und über ein auf NDVI basierendes Vegetationsbild hinzugefügt (Quelle: NASA Earthdata). Für die Geländehöhe habe ich das SRTM mit 30m Auflösung verwendet. Die Karte wurde mit QGIS, R, GDAL, GIMP und Blender erstellt." (Pedro Tarroso)


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