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Reiner Kunze

Naturgedichte

Ich habe ein gutes Leben gelebt. Ich lebte zur Zeit

der Bäume 

                                          (Paavo Haavikko)

Sensible Wege

 

Sensibel

ist die erde über den quellen: kein baum darf

gefällt, keine wurzel 

gerodet werden

 

Die quellen könnten

versiegen

 

Wie viele bäume werden

gefällt, wie viele wurzeln

gerodet

 

in uns

 


 

GESPRÄCH MIT DER AMSEL

 

Ich klopfe bei der amsel

Sie

zuckt zusammen

Du? fragt sie

 

Ich sage: es ist still

 

Die Bäume 

loben die lieder der raupen, sagt sie

 

Ich sage: . . . der raupen?

Raupen können nicht singen

 

Das macht nichts, sagt sie,

aber sie sind grün

 


NACHTMAHL AUF DEM ACKER

 

Wenn großvater am abend

Das kräutichfeuer schürte,

machte er die sterne,

die später über unseren köpfen standen

 

Wir erkannten sie wieder

 

Und der mond war ein armer bruder,

der zur sonne betteln ging

(manchmal bekam er etwas,

manchmal nicht)

 

Ich wußte noch nicht, daß der mond

Das vorweggenommene antlitz ist

Der erde

Ich war noch nicht adam,

und großvater ähnelte gott

 

Damals, als ich noch nicht vom himmel aß

 


TAGEBUCHBLATT 74

     Für Karl Corino

 

1

Das waldsein kõnnte stattfinden 

mit mir

 

(Nicht mehr bedroht sein von allen ãxten

Eine wasserader 

unter den wurzeln)

 

2

Ich aber will nicht einstimmen 

müssen

(Lieber immer neue äste treiben zu wehren 

der axt

 

Lieber die wünschelruten der wurzeln 

wieder und wieder verzweigen)

 


UNTER STERBENDEN BÄUMEN

 

Wir haben die erde gekränkt, sie nimmt 

ihre wunder zurück

 

Wir, der wunder 

eines

 


NATURGEDICHT

 

Die Dinge hören nur, wenn du sie rufst

bei ihrem wahren namen

 

Getäuscht sein will allein

der mensch

 

Er täuscht sich

aus der welt hinaus, die dinge

 

kennen kein verzeihn

 


DER HIMMEL

 

Schirm der schirme, geschmückt

mit vogelzügen

 

Stück für stück

trennen wir heraus

aus der blauen seide

 


SILBERDISTEL

 

Sich zuriickhalten 

an der erde

 

Keinen schatten werfen 

auf andere

 

Im schatten der anderen 

leuchten

 


DER HOCHWALD ERZIEHT SEINE BÄUME

 

Der hochwald erzieht seine bäume

 

Sie des lichts entwöhnend, zwingt er sie,

all ihr grün in die kronen zu schicken

Die fähigkeit,

mit allen zweigen zu atmen,

das talent,

äste zu haben nur so aus freude,

verkümmern

 

Den Regen siebt er, vorbeugend

Der leidenschaft des durstes

 

Er läßt die bäume größer werden

wipfel an wipfel:

Keiner sieht mehr als der andere,

dem wind sagen alle das gleiche

 


ROTBLÄTTRIGE ALPENROSE

 

Was blühen muß, blüht

in geröll auch und gestein

und abseits jedes blicks

 


Jaroslav Seifert

 

ERDLAST

 

So wie der baum die krone

in der krone seiner wurzeln wiederholt

     dort unten unter der erde,

die noch lange leben,

wenn der gefãllte baum gefallen ist,

 

bleibt nach dem tod vielleicht auch den menschen

ein wenig leben

     dort unten unter der erde,

auf der sie standen und die arme ausbreiteten.

Doch wissen wir von dieser nacht schon nichts, oder

vielleicht nur das,

daß die farben, die von dort aus

in die blütenblãtter steigen,

     schwarz sind,

     und daß das wasser dort unten geschlossene augen hat.

 

Schwer fãllt's zu glauben, daß die toten sich erheben

und spazierengehen könnten unter der erdlast.

     Aber was, wenn!

 

Gebt mir, wenn ich euch verlasse, einen stock, 

sonst nichts.

     Und vielleicht einen weißen.

 

Dort herrscht finsternis,

wie sie nur die blinden kennen,

und ich werde versuchen,

wenigstens über das gras euch wissen zu lassen,

wie der tod aussieht

     diese sekunde,

auf die man ein leben lang wartet.

 

Einmal legte ich das ohr an die erde

und hõrte weinen.

 

Aber da weinte vielleicht nur das wasser, 

das in der zwinge des brunnens gefangen war 

und nicht zu den menschen wollte.

 

Nachdichtung Reiner Kunze

 


Oldřich Mikulaĉek

 

DER WALD

 

Ich liebe den wald,

weil er nicht viel spricht, 

nicht einmal zu lebzeiten.

 

Nur manchmal lausch ich in der nacht 

der blutigen fehde seiner kronen 

mit dem erzürnten sturm,

 

und mit grauen stürzt, 

stein oder nichtstein, 

dann auch der bach.

 

Nach dem tod — nur baumstãmme — 

leuchten sie mit den seelen verstorbener 

und verwachsen mit dem hallimasch, 

ihren kleinen waisen.

 

Sie duften, daß du dich hinknien

und das haupt zu diesen henkerstiicken neigen mußt,

um wenigstens etwas einzuatmen

vom schicksal derer, die

das ganze leben aufrecht stehen.

 

Nachdichtung Reiner Kunze

 


Vít Obrtel

 

DIE EICHE

 

Gabelig, umgeackert bis zum Himmel,

ist sie das nest der blitze.

An ihre ferse schmiegt sich

anspruchsloses moos.

 

Und dort, wo sie die last der erde

Ins schattige blattwerk hebt,

irrt eine müde biene.

 

Sie ist der anker der ebenen,

ein grenzstein der weiten,

in guten und bösen zeiten

ein zeichen der gastlichkeit

 

Auch das klopfen der amsel zeugt

Von kraft,

die den atem der feldarbeiter beschützt,

wenn sie ruhen.

 

Verheeren die kahlen fröste das land,

ist sie die antenne künftigen gesanges.

 

Nachdichtung Reiner Kunze

 



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